REVIER TIEF-OST

(4) Hack Attack

Der Angriff der Hacker erfolgte, als Drombusch allein auf dem Revier saß. Die anderen Beamten waren zur Durchführung einer allgemeinen Verkehrskontrolle ausgerückt. Die Maßnahme war angesetzt worden, weil der Revierleiter noch etwas Urlaubsgeld brauchte. Nichts war dafür so gut geeignet wie eine Verkehrskontrolle. Falls der Fahrzeugführer seinen Führerschein und leider keinen Blutalkohol dabei hatte, konnten die Beamten nach dem Sanikasten fragen. Der Sanikasten brachte immer einen Ermittlungserfolg. Die Aspirin da drin waren ja meistens abgelaufen.
 
Nun griffen Hacker an. Das bereitete Drombusch Kopfzerbrechen, und der Wachtmeister hätte glatt seinen Strafzettelblock für eine Packung überlagerter Fibrex gegeben. Auf dem Monitor seines Dienst-PC erschien ein grauer Kasten, in dem ein blauer Balken wuchs.

Das sah bösartig aus. Kam wahrscheinlich aus dem Internet. Drombusch hatte vom Internet gehört. Es war der Grund dafür, dass ihm nur selten Großverbrecher ins Netz gingen. Die dicken Fische waren bekanntlich alle ins World Wide Web abgewandert, wo Männer wie Horst Drombusch keine Befugnisse und noch weniger Ahnung hatten.
 
Der Wachtmeister schlug mit der flachen Hand auf den Monitor, aber der blaue Balken wuchs unbeirrt weiter. Eindeutig das Internet. Die Jungs aus dem Systemhaus hatten das vorausgesagt. Nach den Hackerattacken auf das Pentagon sei das Polizeirevier Tief-Ost das nächste logische Angriffsziel, flüsterten sie dem Revierleiter zu. Dann unterbreiteten sie ein Sonderangebot für einen Firewall, der den Polizeicomputer vor Angriffen schützen sollte.
 
Der Revierleiter war auf Nummer sicher gegangen und hatte seine Männer zusätzlich einen Brandgraben rings um das Objekt ausheben lassen. Außerdem hatten sie die Erdgeschossfenster mit rotweißem Absperrband gesichert.
 
Trotzdem waren die Hacker in Drombuschs Computer gelangt. Verzweifelt spähte der Wachtmeister durch die Lüftungsschlitze am Gehäuse, konnte aber niemanden erkennen. Unter diesen Umständen war die rasche Verhaftung der Täter unwahrscheinlich.
 
Der blaue Balken wurde immer länger. Aber der Wachtmeister hatte noch ein As im Ärmel: seine Armbanduhr. Er blickte aufs Zifferblatt. Noch eine Stunde bis Dienstschluss. Wenn Drombusch die Hacker so lange hinhalten konnte, war er das Problem los.
 
Wäre wenigstens POM Schröder im Revier geblieben! Den hätte Drombusch als Posten vor dem Monitor zurücklassen können. Dieter Schröder stand kurz vor der Pensionierung. Vielleicht hätten die Hacker einfach aufgehört, weil Schröder keine Herausforderung war. Sah ja ganz saftlos aus, der Kollege.
 
Drombusch zuckte. Saftlos. Das war es! Triumphierend eilte er zum Feuerschutzspind, kam mit der großen Axt zurück und durchtrennte das Netzkabel am Computer. Einsatz beendet. Den Wachtmeister wurmte nur, dass ihm die Hacker entkommen waren.
 
Drei Wochen später, als die Jungs vom Systemhaus den Rechner wieder hochfuhren, erhielt Drombusch eine zweite Chance.

"Da", japste er, "der Balken. Da sind die Hacker wieder."

Aber die Techniker verdarben alles: "Ach was, das ist die Statusanzeige der automatischen Systemwartung."