REVIER TIEF-OST

(5) Der Counterschlag

Am Morgen vor dem Counterstrike-Turnier schleppte Polizeianwärter Kowalke einen gefährlich aussehenden Gegenstand ins Revier Tief-Ost. Es handelte sich um eine der berüchtigten Kartoffelkanonen, die in der Lage waren, einem Streifenwagen auf 250 Meter Entfernung das linke Blaulicht auszuschießen. Kowalke hatte eine Gruppe Jugendliche infiltriert, indem er sich als Kartoffelbauer ausgab, der beabsichtigte, ins Munitionsgeschäft einzusteigen.
 
Es war Kowalkes zweiter spektakulärer Zugriff diese Woche. Bereits am Montag hatte der Polizeianwärter auf dem Rastplatz eine Gulaschkanone sichergestellt, die noch rauchte.

Wachtmeister Drombusch war neidisch auf Kowalkes Erfolge. Vor einiger Zeit hatte er eine Streife angeführt, die im Wald eine Mannschaft Gotchaspieler ausheben sollte. Die Beamten waren zweimal zurückgeschlagen worden. Beim dritten Mal hatte sich POM Schröder geweigert vorzurücken. Seine Uniform war total bekleckert, und er wusste nicht, wie er seiner Frau die Flecken erklären sollte. Letzten Endes hatte die Staatsmacht zwar gewonnen, aber für Drombusch war es demütigend gewesen, die Nato um Luftunterstützung zu bitten.
 
Gotcha, Kartoffelkanonen und Computerspiele! Nun, heute würden die Jugendlichen etwas erleben. Dank ihres Rechnernetzwerkes waren die Beamten in der Lage, eine Counterstrike-Partie gegen die Insassen des örtlichen Jugendklubs zu bestreiten. Das war Teil des Präventionsprogrammes, das der Revierleiter mit Sérge, dem Sozialpädagogen, ausgehandelt hatte. "Die jungen Leute müssen lernen, dass wir sie überall kriegen, sogar im Internet", hatte der Chef das Anliegen der Maßnahme erläutert.
 
Der Geschäftsführer des Systemhauses hatte seinen Sohn Olaf geschickt, um die Beamten einzuweisen.

"Das Spiel ist Mist", maulte POM Schröder, der Revier-Oldie. "Hier kann man sich ja nicht mal eine sowjetische Teller-Mpi aussuchen."

Ehe er weitermeckern konnte, verkündete Olaf: "Spiel läuft."

Nach fünf Sekunden färbte sich Dieter Schröders Bildschirm rot. "Verflucht, das war ein Camper!" sagte Olaf. "An solche Kerle ist schwer ranzukommen."

Der Revierleiter dachte nach. "Na ja, wir können versuchen, ihn mit der Naturparkverordnung dranzukriegen."
 
Zu spät. Auch der Chef war raus. "Die Maus", rief Olaf den Beamten zu. "Sie müssen mit der Maus auf die Gegner schießen!"

Rechts von ihm klirrte etwas. "Hab" einen erwischt", knurrte Drombusch.
 
Olaf rollte mit den Augen. Doch noch gab es Hoffnung: Kowalke! Der Polizeianwärter stand mit seiner Spielfigur vor der Bombe, um die sich alles drehte. "Jetzt aber!" brüllte Olaf.

Kowalke wollte gerade reagieren, als der Befehl des Revierleiters erklang: "Halt! Klicken einstellen."

"Aber ... er muss die Bombe entschärfen", stammelte Olaf.

Der Chef schüttelte energisch den Kopf. "Tut mir leid. Dafür wurden wir nicht ausgebildet."
 
Eine halbe Stunde später stand es zehn zu null für den Jugendklub, Olaf war mit den Nerven am Ende, aber sein Vater hatte einen Auftrag über vier Monitore im Kasten.

Da klingelte das Telefon. Der Sozialpädagoge war dran.

"Sérge sagt, wir haben gewonnen", meinte der Revierleiter. "Aber er klingt komisch. So wie damals, als sein Laden von diesen Skinheads, den Glatzen Ost, überfallen wurde."

Drombusch war es egal. Er triumphierte: "Ein ganz großer Sieg, hörst du, Kowalke?" Aber der Polizeianwärter war fort. Er war vor 20 Minuten davongeeilt.

Er hatte die Kartoffelkanone mitgenommen.

In dieser Folge werden die Geschichte mit den Gotchaspielern und die Herkunft von Kowalkes Kartoffelkanone anders erklärt als im Roman. Die Entwicklung der Charaktere war hier noch nicht fortgeschritten. Der Drombusch aus den späteren Geschichten hätte sich niemals von Gotchaspielern zurückschlagen lassen, und er hätte gleich gar nicht Luftunterstützung benötigt. Und nachdem im Roman berichtet wird, dass Kowalke von der Bereitschaftspolizei ins Revier strafversetzt wurde, habe ich ihn seine Kartoffelkanone auch gleich bei einem frühen Einsatz mit der Bereitschaftspolizei erbeuten lassen.