REVIER TIEF-OST

(6) Blitzkrieg

Im Polizeirevier Tief-Ost herrschte Notstand. Die Computer waren lahm gelegt, nachdem sich Polizeianwärter Detlef Kowalke am System zu schaffen gemacht hatte. Eigentlich hatte Kowalke die Rechner beschleunigen wollen. In einer Fachzeitschrift hatte er gelesen, dass man dafür die Grafikchips aufbohren müsse. Jetzt waren drei Computer und zwei Diamantbohrer im Eimer.

Weil die Beamten momentan nichts weiter tun konnten, erteilte der Revierleiter den Befehl zur Durchführung einer operativen Geschwindigkeitskontrolle. Das hieß: Seine Männer hatten freie Hand; sie durften nur nicht mit leerem Film zurückkommen.

Drombusch übernahm wie immer die Leitung der Maßnahme. Er galt als Blitzstratege des Reviers. Diese Art von Tätigkeit lag bei ihm in der Familie: Die Frau des Wachtmeisters arbeitete im Ordnungsamt, wo sie einen dunkelblauen Polo fuhr.

Drombusch kannte seine Frau seit der Schulzeit. Damals hatte sie ihn mehrfach abblitzen lassen. Jahre später jedoch war er mit seinem Funkstreifenfahrzeug in ihre Radarfalle gerast. Aus dieser Perspektive gesehen hatte sich die kesse Politesse doch noch in sein Gesicht verliebt. Um anzugeben, erzählte der Wachtmeister aber manchmal, er habe seine Frau im Rotlichtmilieu aufgegabelt.

Jetzt schickte Drombusch Polizeianwärter Kowalke mit einem Stück Kohle zum nächsten Verkehrsschild. Er wies ihn an: "Dort steht eine 70 drauf. Da malst du eine Null dazu." Der Trick dabei war: Tempo 0,70 ist von Autofahrern nur unter widrigsten Bedingungen einzuhalten; etwa bei einem Motorschaden. Die Beamten brauchten also nur zu warten.

Neuerdings mussten sie nicht mal mehr eine Skizze von der Messstelle anfertigen. Dafür sorgte das VVsEg, das "Vollautomatische Verkehrssituations-Erfassungsgerät", das die Jungs vom Systemhaus unter Zuhilfenahme von EU-Fördermitteln gebaut hatten. Das VVsEg scannte das Temposchild, richtete die Radarfalle aus und errechnete aus der Differenz von erlaubter und gefahrener Geschwindigkeit die Höhe des Bußgeldes.

Kowalke kehrte mit dem Kohlestück zurück. Er grinste mit schwarzen Lippen: "Coole Sache. Aber dürfen wir das?"

Drombusch blickte ihn schief an. "Blitzen ist wie Krieg. Daher das Wort Blitzkrieg. Denk' mal darüber nach."

Der Polizeianwärter gehorchte. Dann wurde er bleich. "Sie meinen, die Nazis haben die Radarfalle erfunden?"

POM Schröder, der Revier-Oldie, saß im Klappstuhl hinter dem Blitzgerät. Jetzt hob er ein Augenlid und sagte: "Die Panzerfahrer der Roten Armee haben CDs hinter die Sehschlitze gehängt, um die faschistischen Blitze abzublocken."

Das musste Kowalke verdauen. "Ich dachte, der Trick mit den CDs funktioniert nicht."

POM Schröder hob die Schultern. "Bei der Jugend von heute nicht. Bei den sowjetischen Genossen hat es geklappt."

Kowalke hatte bei diesem Einsatz viel gelernt. Trotzdem endete sein Tag schlecht. Als das VVsEg die Bußgelder errechnete und die Überweisungsträger für die Verkehrssünder ausdruckte, brüllte Drombusch los: "Gutschriften? Seit wann bekommen Raser Geld ausgezahlt?" Der Wachtmeister klang wie ein kastrierter Bulle.

Dann fiel sein Blick auf das Scan-Protokoll des Temposchildes. Kowalke hatte versagt. Auf dem Blech stand mit Kohle geschrieben: 700.