REVIER TIEF-OST

(100) Licht aus!



Im Revier Tief-Ost hatte der Blitz eingeschlagen. Das Unwetter war zu einem günstigen Zeitpunkt über der Region niedergegangen. Die Jungs vom Systemhaus testeten gerade ihr neuestes Projekt- eine Notstrombatterie für das reviereigene Computernetzwerk, die sich aus der Energie von Gewittern speiste.

Nun stand der Cheftechniker vor qualmenden Rechnern, geborstenen Monitoren und festgebackenen Tastaturen und wirkte im Großen und Ganzen zufrieden. "Okay", meinte er. "Die Einspeisung funktioniert schon ganz gut. Wir müssen bloß noch herausfinden, wie wir die Gewitterenergie dosiert an die Rechner weitergeben."

Der Einbau des Unwetter-Akkus war Teil des neuen Nachhaltigkeitsprogramms der sächsischen Polizei. Durch die Nutzung regenerativer Energien sollten die Reviere künftig bis zu 150 Prozent ihrer Betriebskosten einsparen. Deshalb wurde der ewig zappelige Polizeianwärter Kowalke, wenn er Innendienst hatte, neuerdings an ein Gestänge angeschlossen, das seine Bewegungsenergie an die Pumpe weiterleitete, die den Spülkasten im Klo mit Wasser beschickte.

"Neumodischer Scheiß!" Drombuschs Skepsis hatte sich in nachhaltigem Knurren geäußert, aber wenn man Kowalke vor der Toilette nur lange genug warten ließ, gab es an der Pumpenleistung eigentlich nichts auszusetzen.

Eine andere Vorrichtung nutzte die Kratzenergie, die beim Schreiben eines Strafzettels entstand. Die erzeugte Leistung reichte aus, um einen Taschenventilator anzutreiben, der den schwitzenden Strafzettelschreiber ausreichend kühlte, damit er die Arbeit fortsetzen konnte. Die Jungs vom Systemhaus nannten es ein Perpetuum Motivae: "Wenn ihr keinen Kollaps erleiden wollt, müsst ihr ständig weiterarbeiten."

Es zeigte sich jedoch einmal mehr, dass es so etwas wie eine Perpetuum-Maschine nicht gab. Wenn POM Dieter Schröder am Kratzstift saß, sank die Energieausbeute auf null, aber das steckte der alte Beamte locker weg, weil er erst gar nicht ins Schwitzen kam.

Der Streifenwagen des Reviers Tief-Ost war auf Solarantrieb umgestellt worden, konnte aber schon bald nicht mehr benutzt werden, weil die Region in diesem Jahr unter einer Elsternplage litt. Nach ein paar Fahrten klang die Sirene wie ein sterbender Elefant, das Blaulicht zuckte zum letzten Mal, und irgendwo starrten ein paar Elstern in ihre neuen Spiegel, die, wenn man sie nur richtig verkabeln würde, sogar Eier ausbrüten konnten. Aber das wussten die Elstern nicht.

Drombusch hatte vorgeschlagen, den Streifenwagen wieder flottzumachen, indem man ihn auf kriminelle Energie umstellte, die bekanntlich außerordentlich regenerativ war. Dazu hätten sie bloß ein paar Pedale einbauen und den Kaffeekassenknacker Schlieder unter einem Vorwand verhaften müssen. Aber nachdem der Unwetter-Akku den bislang einzigen Blitz vergeudet hatte, besaßen sie nicht genug Strom für ihr Funkgerät, um eine Fahndung durchzugeben.

Auf der Freifläche hinterm Revier war zwar eine Probebohrung nach Erdwärme begonnen worden, doch bislang waren die Bohrtechniker lediglich auf die Müllhalde einer Sippe altsorbischer Neandertaler gestoßen, und das archäologische Landesamt hatte einen Bohrstopp verhängt.

Trotzdem fiel die Bilanz des Reviers Tief-Ost zufriedenstellend aus. Die Computer und der Streifenwagen verbrauchten derzeit keinerlei Energie, was die Polizeiarbeit nachhaltig beeinflusste. Somit konnte der Polizeipräsident das Programm als vollen Erfolg verbuchen.

Da immerhin das Klo noch funktionierte, widersprachen die Beamten nicht, und der Revierleiter schickte seine Männer nach Hause.

"Der Letzte macht das Licht aus", befahl er.

"Ist schon aus", knurrte Drombusch.