REVIER TIEF-OST

(12) Ringtauschfahndung

Drombusch sorgte sich um den Revierleiter.

Seit Wochen hatte der Chef keine Befehle erteilt. Er verschanzte sich in seinem Büro hinter einigen Büchern. Der Wachtmeister hatte einen Blick riskiert. Die Titel lauteten: Die Gefährten, Die zwei Türme und Die Rückkehr des Königs.

Drombusch fragte nach: "Weiterbildung?"

"Mmh", machte der Chef. "Es geht um eine Ringfahndung."

"Das trifft sich gut", erklärte der Wachtmeister. "Dolonski ist fort."

Wjatscheslaw Dolonski war der berüchtigte Brieftaschenschlitzer. Durch ein Versehen während der jüngsten Fahndung war er zum Bürgermeister gewählt worden. Nun hatte er es nicht mehr ausgehalten und war mit der Büroausstattung des Rathauses durchgebrannt. Drombusch zählte auf: Es fehlten ein Computer, ein Monitor, ein Drucker, ein Zehnerpack Disketten und ein Zip-Laufwerk.

"Was ist ein Zip-Laufwerk?" wollte der Chef wissen.

"Das ist zum Packen", sagte der Wachtmeister. "Damit hat Dolonski vermutlich den schweren Computertisch und den ergonomischen Drehsessel fortbewegt."

Das klang nach einer großen Sache. Der Revierleiter schickte Drombusch und Polizeianwärter Kowalke zur Grenze. Sie sollten versuchen, den Dieb samt Computer und gezippten Möbeln abzufangen. Der Wachtmeister war in Rage und Kowalke wie immer eifrig bei der Sache. Die beiden würden mit allem fertig werden, was ihnen über den Weg lief.

Der Chef setzte sich ans Funkgerät, um die Kollegen aus den Nachbarrevieren zu überreden, den polnischen Brieftaschenschlitzer einzukreisen. Die anderen Beamten waren jedoch schon alle hinter dem einheimischen Kaffeekassenknacker Schlieder her. Schlieder hatte fünf Geldbüchsen aus Vereinsheimen geraubt. Dann hatte er sie auf eine Angelsehne gefädelt und die Dosenkette an den Auspuff des Dienstwagens des Polizeipräsidenten geknotet. Der Revierleiter sah ein, dass diesem Fall Priorität zukam und drehte weiter am Regler des Funkgerätes.

Plötzlich hörte er polnische Worte. Er hatte die Kollegen des Nachbarlandes im Äther. Da kam ihm eine Idee. Die Polizei im Osten war im Rahmen einer EU-Spendenaktion kürzlich mit modernsten Fahndungscomputern ausgerüstet worden. Die Geräte waren handlich, leicht und transportabel. Der Revierleiter schilderte die Situation, und die Polen versprachen, mit allen verfügbaren Geräten zur Grenze vorzurücken.

Die Operation lief unter der Bezeichnung Oder-Neiße-Freundschaftsfahndung.

Der Chef lehnte sich zurück und las weiter in seinem Buch. Er wusste: Nun würde alles in Ordnung kommen.

Kurz vor Dienstschluss kehrten Drombusch und Kowalke zurück. Beide waren in Hochstimmung. Sie schleppten ultramoderne, transportable Rechnereinheiten ins Revier.

"Dolonski war schon fort", knurrte der Wachtmeister. "Dafür haben wir aber in Flussnähe ein paar Computerschmuggler aufgegriffen."

Der Revierleiter nickte und schrieb ins Dienstbuch: "Ringfahndung knapp gescheitert. Ringtausch ein voller Erfolg."