REVIER TIEF-OST

(21) Unfall-Punkte


Drombusch saß im Revier Tief-Ost und spähte misstrauisch zu Polizeianwärter Kowalke hinüber. Der Jungpolizist lümmelte seit Stunden faul hinter seinem Rechner und stocherte in einem Glas Preiselbeermarmeldade herum.

"Fertigwerden!" knurrte der Wachtmeister.

In diesem Moment entfuhr Kowalke ein Laut des Entsetzens. Auf seinem Monitor wurde ein neuer Unfallschwerpunkt angezeigt!

Das Unfallschwerpunkte-Programm trug die Abkürzung USP. Es hatte die Jungs vom Systemhaus sehr viel Überzeugungsarbeit sowie einen CD-ROM-Duden gekostet, um den Polizisten klarzumachen, dass das Ganze nichts mit einem USB-Anschluss zu tun hatte. Die Beamten wünschten sich manchmal allerdings noch immer, die Lösungsvorschläge für ihre Verkehrsprobleme würden in Form kleiner Zettel aus den schmalen Schlitzen hinten am Computer kriechen.

Jeder Polizist, der einen Unfall sah, musste seine Beobachtungen in den Rechner eingeben. Die Software errechnete daraus die Unfallhäufigkeit und markierte neuralgische Stellen durch einen roten Punkt auf dem Monitor. So wie heute in der Landrat-Baumgart-Allee.

Der Revierleiter berief augenblicklich eine Krisensitzung ein.

"Vielleicht sollten wir dort ein paar Poller in die Straße stecken", schlug Kowalke vor.

Drombusch rümpfte die Nase. "Du meinst Verkehrsflusshemmer! Gewöhne dir an, Fachbegriffe zu benutzen."

Kowalke wagte einen weiteren Vorstoß: "Wie wäre es mit einem Nervenzusammenbruchsbeschleuniger?" Das Simulieren einer Dauerbaustelle würde die Autofahrer zwar wirkungsvoll bremsen, erwies sich aber als nicht machbar, weil bereits alle Sperrbaken des Reviers im Einsatz waren.

Als nächstes diskutierten die Beamten die Idee, den Kommunalen Bauhof Wasserrohre verlegen zu lassen. Solche Straßen waren nach Abschluss der Arbeiten nicht mehr befahrbar, was die Unfallhäufigkeit automatisch begrenzte.

Am Ende entschieden sie sich aber für eine heftig blinkende Lampe, um die POM Schröder noch ein Vogelhäuschen drumherum schnitzen sollte, was das Abschreckungspotenzial erhöhen würde.

Kowalke regte an, zusätzlich eine Polizistenattrappe aufzustellen. Er schlug vor, Drombuschs Umrisse aus Sperrholz auszusägen. Seine Idee wurde verworfen. Erstens bestand nach Ansicht des Chefs erhöhte Unfallgefahr, wenn die Autofahrer mit einem unvermittelt am Straßenrand hochklappenden Drombusch konfrontiert wurden. Zweitens hatte kein Tischler eine Holzplatte an Lager, die dem Umfang des Wachtmeisters gerecht wurde.

Plötzlich richtete sich Drombuschs Finger anklagend auf den Monitor.

Der rote Unfallschwerpunkt war von der Landrat-Baumgart-Allee zum Bürgermeister-Wortmann-Platz gewandert. Der Punkt war in Wirklichkeit eine glasierte Preiselbeere aus Kowalkes Marmelade und zog eine Glibberspur hinter sich her.

Der Jungpolizist ergriff umgehend die Flucht, wurde an der Tür aber von seinem Konfitüre-Glas eingeholt.

"Jetzt", knurrte Drombusch, "haben wir eine mobile Unfallkarte!"