REVIER TIEF-OST

(26) Viewegs Fitness


Im Chefzimmer des Reviers Tief-Ost herrschte ungewohnte Betriebsamkeit. Seit Tagen hockte der Revierleiter in ungesunder Haltung vor dem Monitor und tauschte E-Mails mit Margitta Mehlhorn aus.

Dong, Dong, Dong machte es jedes Mal, wenn eine Antwort von der zierlichen, blonden Kriminalistin einging. Der Chef verkrampfte zusehends.

"Berichte und Formulare", behauptete er, aber die anderen glaubten ihm nicht. Noch nie hatte der Chef einen Bericht getippt, und wie man die Formular-Datenbank öffnete, hatte im Revier noch keiner herausgefunden.

Am vierten Tag klagte der Revierleiter über stechende Migräne. "Das muss vom Computer kommen", stöhnte er und rief den Systemdienst an.

Die Jungs vom Systemhaus verkauften ihm das Programm PC-Doktor und erklärten, der Rest sei eine Frage der Ergonomie.

"Klingt wie faschistischer Scheiß", knurrte Drombusch. Die Techniker meinten: "Ruft Lutz Vieweg an", und legten auf.

Lutz Vieweg war Gesundheits-Guru, ein Experte für die ganzheitliche Betrachtung von Problemen. Er arbeitete als Kartenleger, Ernährungshelfer und Elektrosmogfahnder. "Ja klar, Ergonomie", sagte er. "Das oder Vitaminmangel." Und er verkaufte dem Chef das Komplettprogramm von Dr. Rath.

"Jetzt lockern wir aber erstmal eure Muskulatur", schlug Vieweg anschließend vor. Er gab bunte Gymnastikbälle an die Beamten aus, die mit einem Gummiband am Koppel befestigt werden mussten.

Als Drombusch versehentlich gegen Kowalkes Ball trat, verließ der Polizeianwärter im raschen Steigflug das Revier. Glücklicherweise hatte Lutz Vieweg das Fenster geöffnet, weil er die Migräne des Revierleiters mit einem Sauerstoffschock bekämpfen wollte.

Während die anderen auf Kowalkes Rückkehr warteten, schleppte der Guru einen ergonomischen Chefsessel in die Dienststube. Der Stuhl war dreh-, kipp- und arretierbar, hatte einen eingebauten Bandscheibenwärmer, Ellenbogen schonende Armlehnen und eine Nackenstütze aus Rheuma linderndem Lamafell.

Vieweg stellte an den Hebeln herum und befahl: "Macht euch bitte mit dem Stuhl vertraut!"

POM Schröder, der Revier-Methusalem, versuchte es als erster. Später am Tag wurde er mit gebrochenem Steißbein vom ASB abgeholt, aber bis dahin hatte er ergonomisch einwandfrei dagesessen.

"Wie ich schon sagte", kommentierte Drombusch, "Ergonomie kommt von den Nazis." Die Migräne des Chefs war auch noch nicht besser geworden.

"Ich hätte da noch eine Body Shape-Matratze mit Elektroreiz und Rüttelmotoren", sagte der Guru. "Die kommt von den Amis."

Aber der Revierleiter wollte es dann doch lieber mit dem Stuhl riskieren.

"Auf jeden Fall brauchst du dringend eine Massage", beharrte Vieweg. Der Chef zuckte zusammen und gab Drombusch einen Wink, die Dienstwaffe bereitzuhalten.

In diesem Augenblick machte es Dong!

Eine neue E-Mail von Margitta Mehlhorn war hereingekommen.

Erleichtert komplimentierte der Revierleiter den Gesundheits-Experten zur Tür hinaus. "Keine Sorge, ich komme schon zu meiner Massage!"

Margitta Mehlhorn hatte geschrieben: "Also gut. Freitag, 20 Uhr. Und vergiss die Handschellen nicht."