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(28) Psycho
Aus der Kabine beim Frauenarzt hatte ein Notzuchtverbrecher die Schaumstoffbrüste entwendet, die dort zu Demonstrationszwecken hingen.
"Die Ärztin sagt, an diesen Dingern lernen die Patientinnen, sich Knoten in die Brust zu machen", erzählte der Revierleiter. "Ich habe das auch nicht so genau verstanden."
Drombusch zuckte mit den Schultern. "Das muss etwas mit dem Alter zu tun haben."
Die anderen nickten und überlegten, wer so etwas machte. Knoten in die Brust, aber auch Diebstahl von Schaumgummibrüsten.
"Wir sollten einen Profiler hinzuziehen", schlug der eifrige Polizeianwärter Kowalke vor. "Ein Typ, wie sie das FBI hat. Die schauen den Verbrechern total ins Hirn und so."
Drombusch pulte sich mit dem Taschenmesser Dreck unterm Fingernagel hervor. "Dafür brauchen wir eigentlich gar keinen Profiler." Sein Messer besaß nämlich eine kleine Säge und einen Korkenzieher.
Dem Chef fiel etwas ein. "Fast hätte ich es vergessen. Heinz Ficker kommt heute vorbei."
Heinz Ficker war der Tiefenpsychologe aus dem Kreiskrankenhaus. Er sollte die Polizisten einer eingehenden Untersuchung unterziehen. Schuld war das Internet-Trauma, das einen Beamten von der Sitte befallen hatte.
Wochenlang hatte der Mann Webseiten besucht, auf denen Dildos, Liebeskugeln und Formkerzen angeboten wurden. Als es dann in einem Rundschreiben hieß, in seinem Dezernat würden in Kürze neue Grafikkarten eingeführt, drehte er durch und verbarrikadierte sich im Büro.
"Sie mussten ihn aus dem Blechschrank rausschneiden", sagte der Revierleiter.
Nun also kam Heinz Ficker ins Revier und brachte Schwester Adelheid mit. Der Tiefenpsychologe war 50, wirkte aber jünger, weil ihm ein Schlüsselband aus der Hosentasche baumelte. Schwester Adelheid war 40 und trug Strumpfbänder unter ihrem Kittel. Sie wirkte aber trotzdem älter.
"Keine Sorge, hier geht es nur um Prophylaxe", sagte Ficker. Der Revierleiter war dennoch beunruhigt und wollte wissen, unter welchen Umständen das tödlich sei.
Zuerst schaute sich der Tiefenpsychologe die Rechner der Beamten an.
POM Schröder spielte Age of kasernierte Volkspolizei, ein Strategiespiel, das ehemalige Mitarbeiter der MfS-Abteilung für Schwarz-, Bück- und Software entwickelt hatten. Es ging darum, eine Barackenbasis aus dem Boden zu stampfen. In der nächsten Mission mussten dann Demonstranten in den Boden gestampft werden.
"Neigt dieser Kollege zu sinnloser Gewaltanwendung?" wollte der Psychologe wissen.
"Nein", sagte der Chef, "das ist der andere." Er zeigte auf Drombusch.
Heinz Ficker erinnerte sich an den Wachtmeister. Letzten Monat hatte Drombusch einen Verkehrsteilnehmer wegen Abparken eines Fahrzeuges auf einem Nichtraucherstellplatz zur Verantwortung gezogen. Hinterher hatte der Mann vergessen, was Parken bedeutete, war unfähig, eine Zigarette zu halten und würde auch nie wieder am Verkehr teilnehmen, egal welchem.
Während der Gruppentherapie war Drombusch erneut aufgefallen. Die Patienten saßen in einer U-förmigen Sitzgruppe beisammen, und der Wachtmeister weigerte sich, Platz zu nehmen: "Diese Psychos gehören nicht in ein U, sondern in U-Haft."
Das Wiedersehen mit Drombusch brachte Heinz Ficker vorübergehend aus dem Konzept. Er wandte sich an Schwester Adelheid und deutete auf Kowalke.
"Nehmen Sie dem da schon mal Stuhl ab."
Der Polizeianwärter erhob sich eifrig und reichte der Schwester den Schemel, auf dem er gesessen hatte.
Adelheid klimperte erfreut mit den falschen Wimpern und schenkte dem jungen Mann ein goldenes Lächeln. Sie hatte erstaunlich viele Kronen im Mund.
Während die Schwester den Jungpolizisten zum Klo führte, betrachtete der Tiefenpsychologe den massigen Drombusch.
"Haben Sie Fressanfälle, Inspektor?"
"Wachtmeister."
"Wie auch immer. Jedenfalls können Fressanfälle ein Zeichen für enormen psychischen Druck sein. Sind Sie verstärktem Druck ausgesetzt, Inspektor?"
"Nein", knurrte Drombusch. "Aber du bist gleich verstärktem Druck ausgesetzt, wenn du nicht aufhörst, Schwachsinn zu quasseln."
Ein schrilles Quieken aus dem Sanitärtrakt unterbrach den Disput. Schwester Adelheid stürmte aus dem Klo, verfolgt von Kowalke. Die Wimperntusche der Frau war ausgelaufen, ihr Haarteil hing halb herunter, ihr Büstenhalter stand offen.
Der Polizeianwärter schwenkte triumphierend zwei Schaumstoffkissen.
"Sie war es!" Kowalkes Stimme überschlug sich. "Sie hat den Frauenarzt ausgeraubt!"
Während die Schwester kreischend floh, ergriff Drombusch die Hand des verdatterten Psychologen. "Auf Wiedersehen, Doktor. Wie Sie sehen, haben wir unseren eigenen Experten für Kopfkrankheiten."
"Psycho" war wieder eine von diesen Geschichten, von denen in der Zeitungsfassung kaum die Hälfte übrig geblieben ist. Die oben stehende Fassung ist gut doppelt so lang und enthält alle Gags, die in der Zeitung aus Platzgründen gestrichen werden mussten. Die Geschichte liest sich dadurch ein wenig anders - nicht nur wegen der Knoten in der Brust, die es in der Zeitung nicht gab.
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