REVIER TIEF-OST

(29) Kerker Tycoon


Im Revier Tief-Ost gab es massiven Stress. Alle Gefängniszellen waren belegt, aber Drombusch brachte ständig neue Delinquenten angeschleppt: Falschparker, Falschfahrer und Irrläufer. Auch einen Werbezettelsausträger, der das Verbotsschild auf dem Revier-Briefkasten missachtet hatte.

Gerade zog der Wachtmeister einen Araberjungen am Schlafittchen zur Tür herein, den er beim Experimentieren mit einem Papierflieger erwischt hatte. Der Junge stand unter Terrorverdacht, aber der Zellentrakt war ausgebucht, denn dort saßen schon der Kaffeekassenknacker Schlieder, der polnische Brieftaschenschlitzer Dolonski, Mucki Klaumünzner, der Hütchenspieler und Tilo, der Sauger, ein übler Raubkopierer.

"Jetzt reicht's!" brüllte der Revierleiter. POM Schröder rief reflexartig die Jungs vom Systemhaus an, denn wenn der Chef die Beherrschung verlor, hatte das immer mit Computern zu tun.

Die Techniker wussten auch diesmal Rat und installierten ihr neues Kerkerverwaltungs-Programm. Die Software verwendete die Engine der Aufbau-Simulation "Zoo Tycoon". Mit wenigen Mausklicks konnten die Gefangenen gefüttert, abgeduscht oder für eine Darmspülung vorgemerkt werden. Nur das Anlegen zusätzlicher Gehege war nicht möglich, was Drombusch einen enttäuschten Grunzlaut entlockte.

Außerdem stellten die Techniker Webcams auf, die das Zellengeschehen ins Internet übertrugen. Nach ein paar Stunden hagelte es Beschwerden, weil Schlieder den Zuschauern ständig den Stinkefinger zeigte.

Als telefonisch eine Reihe von Hütchen-Wetten abgegeben wurden, schickte Drombusch Polizeianwärter Kowalke zu Mucki Klaumünzer in die Zelle, um den Haselnusskern zu konfiszieren, auf den der Spieler sein Geschäft aufbaute. Aber Kowalke konnte nicht herauskriegen, unter welchem Becher das corpus delicati lag. Er verlor sein gesamtes Geld und zog geschlagen ab. Kowalke drohte aber, nach dem 24. wiederzukommen. Am 24. war Gehaltstag.

Tags darauf sackte die Leistung des Rechnernetzwerkes rapide in den Keller. Um ein Dokument zu öffnen, brauchten die Computer eine halbe Dienstschicht. Und danach konnte man es nicht lesen, weil die Arbeitsplatzbeleuchtung ausfiel. "Da haben die Typen vom Systemhaus wieder Mist gebaut", schimpfte der Revierleiter.

Als Drombusch zum Hörer griff, waren alle Leitungen belegt. Im nächsten Augenblick klopfte es an der Revierpforte, und ein Expressbote erschien. Er jonglierte mehrere Kartons auf den Armen.

"Halt!" sagte Drombusch. "Was haben Sie da?"

"Rohlinge", erwiderte der Paketmann.

"Tut uns Leid", rief Kowalke. "Aber unser Gefängnis ist schon voll."

Es stellte sich heraus, dass die Pakete CD-Rohlinge enthielten, die Tilo, der Sauger, bestellt hatte. Es war ihm gelungen, die Revierrechner anzuzapfen. Momentan saugte er Doom 3, sämtliche Tatort-Folgen mit Manne Krug und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aus dem Internet. Drombusch zog den Stecker. "Wozu brauchst du das Grundgesetz?"

"Ich nicht", sagte der Sauger. "Der da will es." Er wies in die Nachbarzelle, wo Wjatscheslaw Dolonski saß und spöttisch lächelte. Der Brieftaschenschlitzer verlangte einen Anwalt, einen Botschafter und ein Hochglanzmagazin mit wenig Text.

"Ich kann dir unsere Zellenordnung per E-Mail zukommen lassen", schnauzte Drombusch. "Da steht drin, dass du gar nichts kriegst."

"Genau", meldete sich der Kaffeekassenknacker aus der nächsten Zelle. "Hier musst du dich sogar selber ums Essen kümmern."

Wie auf Kommando erschien ein Pizzabote. "Einmal Speciale mit Hering, Speckfett und extra viel Knoblauch", sagte er. "Für Herrn Schlieder."

Drombusch eilte in die Waffenkammer und gab Gummiknüppel, Schutzschilde und Helme aus. Aber der Revierleiter bremste ihn. Er wies auf ein Statistikmenü: "Mach langsam, Horst. Sonst sinkt der Zufriedenheitsindex unter das kritische Niveau und wir verlieren unseren Sympathiebonus."