REVIER TIEF-OST

(30) Der Reformator


Aus der Rumpelkammer im Revier Tief-Ost drangen befremdliche Geräusche. Es klang wie das Röcheln eines überalterten Diensthundes, der zu viele Drogen geschnüffelt hatte und nun kollabierte. Es war aber nur POM Schröder, der sich - ächzend vor Rückenschmerz - durch den Inhalt der Kammer wühlte.

"Nein", keuchte der alte Polizist. "Ein Schild Vorsicht, Ölspur haben wir nicht mehr. Die sind alle im Einsatz."

Wachtmeister Drombusch grunzte. "Was ist mit Achtung, Gefahr?"

POM Schröder schüttelte den Kopf. "Das letzte haben wir vorige Woche neben dem Schlagloch auf dem Karl-Wortmann-Platz aufgestellt, weil Obacht, Grube schon auf der Kreisstraße S 000 im Einsatz ist."

Drombusch schnaubte ärgerlich. "Wie soll man hier für Verkehrssicherheit sorgen? Wir haben einfach viel zu wenige Schilder!"

In diesem Augenblick trat der Revierleiter ein und informierte ihn darüber, dass es auch nicht mehr besser werden würde. "Eher schlimmer", sagte der Chef. "Der Polizeipräsident hat verfügt, dass die große Revier-Reform jetzt auch bei uns zur Durchführung gebracht werden muss. Wir sollen künftig mit der Hälfte der Schilder auskommen und einen Reformator einsetzen."

Drombusch deutete auf Polizeianwärter Kowalke, der gerade vom Krafttraining kam. "Das soll er machen."

"Was ist ein Reformator?" wollte der Jungpolizist wissen.

"Eine Art Terminator", brummte der Wachtmeister.

"Cool, mein Lieblingsfilm", erklärte Kowalke. "Ich bin dabei."

Er stürzte los, um sich schwere Waffen zu holen, aber der Revierleiter erklärte ihm, dass er zuvor eine Liste mit Rationalisierungsvorschlägen ausarbeiten musste.

Der Polizeianwärter klemmte die Zunge zwischen die Zähne und dachte scharf nach.

Wenn man die Monitore morgens ausgeschaltet ließ, würde man eine Menge Strom sparen. Noch besser war es, die Rechner erst gar nicht hochzufahren. Neben der Energie sparte das auch Nerven und Herzinfarkte.

Blieben die Computer aus, konnte man das wöchentliche Staubwischen ausfallen lassen und brauchte weniger Munition für den Drucker. Die Beamten hatten ohnehin noch nicht herausgefunden, welche Patronen passten.

Das Gerät war ein Laserdrucker, und Kowalke hatte gelesen, dass für jeden Laser ein Rubin oder Diamant als Linse nötig war. Vielleicht konnte man den Edelstein ja ausbauen und in den Westen verkaufen. Vom Erlös fielen sicher einige Sperrschilder für Wachtmeister Drombusch ab, falls der Polizeipräsident nicht das ganze Geld für die Führungskräfte-Sauna im Präsidium haben wollte.

Kowalke schrieb alles auf und ging seine Notizen durch. Er erkannte, dass alles mit den Monitoren anfing und rief im Systemhaus an, um zu fragen, wie man die Bildschirme ausschaltete.

"Ich schicke jemanden vorbei", stöhnte der Geschäftsführer, aber der Polizeianwärter schnitt ihm das Wort ab. "Das geht nicht; ich muss das hier allein optimieren. Ich bin der Reformator."

"Optimieren?" Der Mann vom Systemhaus wirkte mit einem mal hellwach. "Na, da habe ich etwas für dich."

Am nächsten Tag wurde auf allen Rechnern der WindowsOptimizer 3.1.5 installiert. Der Revierleiter tackerte das Benchmark-Protokoll an die Rechnung und schickte alles ins Polizeipräsidium. Die Beamten konnten Protokolle nun um drei bis vier Prozent schneller abspeichern, aber dafür mussten sie die Monitore anlassen. Kowalke war am Boden zerstört. Wo kam dieses Land hin, wenn niemand auf den Reformator hörte?