REVIER TIEF-OST

(31) Black Ripper


Im Morgengrauen schrillte die Türklingel durchs Revier Tief-Ost. Polizeianwärter Kowalke schreckte hoch. Er hatte eine Doppelschicht in den Gliedern und spürte jede Sekunde davon. Am Vortag hatte POM Schröder etwas über einen gewissen Ischias gemurmelt und sich krank gemeldet. Wachtmeister Drombusch stopfte die Lücke im Dienstplan mit der ersten Person, die ihm einfiel. Obwohl sich Kowalke darüber freute, dass sein Vorgesetzter laufend an ihn dachte, protestierte er leise: "Aber ich habe doch schon die Frühschicht!" Drombusch hatte ernst genickt. "Richtig. Die auch."

Der Kerl vor der Tür gab keine Ruhe und klingelte Sturm. Kowalke ging nachsehen. Draußen stand ein Mann in einem nachtdunklen Anzug, der sich das Gesicht geschwärzt hatte. Kowalke dachte, die Amerikaner seien gekommen, um einen Brückenkopf zu bilden. Zum Glück lag seine Dienstwaffe weit entfernt auf dem Schreibtisch, denn wahrscheinlich wäre es ihm später schwer gefallen zu erklären, warum er Björn Schwarzer erschossen hatte, den Bezirksschornsteinfeger.

"Routinemäßige Wartung", murmelte Schwarzer und drängte sich ins Revier. Kowalke kannte die Prozedur. Der Essenkehrer kam jeden Monat, um Schmutz aus dem Revier-Schornstein zu kratzen. Wortlos wie ein Gespenst verschwand er durch die Dachluke.

Kowalke widmete sich wieder seinem Computer. Er verkürzte sich die Nachtschicht, indem er im Internet über Serienkiller recherchierte. Eines Tages wollte er mal ein berühmter Profiler werden und herauskriegen, wen Hagen Metzeler, der Dorffleischer, in seine Bockwürste füllte.

Es gab einige wirklich schaurige Typen. Zum Beispiel Grigorij Alexandrowitsch Stroganoff, der mit einem Filetmesser arbeitete oder Ilja Rogoff, dessen Atem den Tod brachte. Wachtmeister Drombusch sagte immer, man dürfe den Russen nicht trauen, und vermutlich hatte er damit Recht.

Aber auch in Deutschland trieben einige schlimme Männer ihr Unwesen. Etwa Franz Müntefering, der schon sehr viele Menschen eingeschläfert hatte, oder der GEZ-Ripper.

Über den GEZ-Ripper gab es zwei Theorien. An einer Stelle im Internet hieß es, der Ripper bitte GEZ-Fahnder ins Haus, ramme ihre Schädel in die Bildröhre seines Fernsehapparates und uriniere auf den Block mit den Anmeldeformularen. Kowalke überlegte, ob man den Kerl vielleicht dadurch aufspüren konnte, weil er sich ständig neue Fernseher kaufen musste.

Aber da war noch die zweite Theorie. Sie besagte, dass sich der Ripper selbst als GEZ-Fahnder tarnte. Ließen ihn die Leute ins Haus, erschlug er sie mit dem zusammengerollten Formularblock. Allerdings hatte den GEZ-Ripper bisher noch keiner ins Haus gelassen, was es praktisch unmöglich machte, ihm etwas nachzuweisen.

Kowalke gefiel die erste Version besser, in der der Mann von der Gebühreneinzugszentrale sterben musste. Der Polizeianwärter stellte sich vor, wie er den Mörder auf einer Elektronikschrotthalde stellte. Er würde ihm erst auf die Schulter klopfen und danach K.o. schlagen.

Eine berüchtigte Psychopathin war die so genannte Heiße Hexe. Laut Internet lockte sie Männer unter die Dusche und schlief dort mit ihnen. Kowalke stellte es sich kompliziert vor, bei rauschender Dusche einzuschlafen, aber er hatte ja auch nicht vor, auf die Heiße Hexe hereinzufallen. Mittendrin zog sich das irre Weib nämlich zurück, drehte das kalte Wasser ab, und die Männer wurden verbrüht.

Psychologen nahmen an, dass die Hexe in ihrer Jugend von einem Mann zum Sex mit Eiswürfeln gezwungen worden war.

Man hatte sie bis heute nicht geschnappt, denn nach einer Weile hörten die Verbrühungen einfach auf. Vielleicht war die Frau mittlerweile zu alt, sodass niemand mehr mit ihr unter die Dusche steigen wollte.

Kowalke gähnte. Es gab schon gruselige Sachen dort draußen. Ein Essenkehrer, der zu nachtschlafener Zeit Sturm klingelte, war dagegen harmlos. Moment mal, durchfuhr es Kowalke, der Essenkehrer - wo steckte er?

Der Polizeianwärter spähte durch die Luke. Der schwarze Mann saß auf dem Dach, rauchte eine Zigarette und las eine Broschüre über Brennwerttechnik. Kowalkes Oma sagte immer, dass Schornsteinfeger Glück bringen, aber dieser hier brachte nur Rechnungen, jeden Monat eine, obwohl … den Jungpolizisten überkam es siedendheiß … obwohl das Revier überhaupt keinen Schornstein hatte! Die Dienststelle war ein Flachbau mit Anschluss an die alte Fernwärmetrasse nach Moskau.

Was also tat der Kerl dort oben?

Kowalke schluckte hart. Björn Schwarzer, der maulfaule Kerl mit dem finsteren Gesicht, hatte sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Einlass ins Revier erschlichen! Das war ein Merkmal von Serienkillern. Bis jetzt hatte der Essenkehrer nie zuschlagen können, weil meistens Drombusch in der Nähe war. Mit dem Wachtmeister wurde nicht mal ein Massenmörder fertig - aber heute morgen? Kowalke allein im Revier?

Leise schloss er die Luke, klinkte das Schloss ein, polsterte den Dachausstieg schalldicht mit alten Uniformen und sägte eine Leitersprosse an. In ein paar Monaten würde sich der schwarze Ripper in ein Gerippe verwandelt haben. Dann konnte man ihn ohne nennenswerten Widerstand festnehmen. Danach, beschloss Kowalke, würde er in der Heimatzeitung einen Artikel über Profiler-Tricks schreiben.





Auch von dieser Geschichte lesen Sie im Netz den "Writer's Cut", der vor allem wesentlich mehr Serienkiller enthält als die Zeitungsfassung. Aber auch die Erklärung, weshalb Kowalke eine Doppelschicht machen muss, wurde in der Zeitung aus Platzgründen gestrichen.

Fragen Sie sich, was der Essenkehrer im Revier will, obwohl das Gebäude überhaupt keinen Schornstein hat? Falls ja, sind Sie mit Sicherheit kein Hauseigentümer. Hausbesitzer klagen seit langem darüber, dass sie vom Schornsteinfeger heimgesucht werden, obwohl es eigentlich nichts zu kehren gibt.

Moderne Heizungsanlagen verursachen so wenig Ruß, dass pro Jahr ein Besuch des Kaminfegers vollkommen ausreichend wäre. In der Regel kommt er aber zweimal, am liebsten häufiger, denn jede Wartung bedeutet Gebühreneinnahmen. Viel dagegen tun kann der Häuslebauer nicht. Ein überholtes Gesetz gibt den schwarzen Männern das Recht, anderen aufs Dach zu steigen.

Der Schornsteinfeger bedient ein seit 1935 geltendes Monopol. In den so genannten Kehrbezirken (deutschlandweit gibt es 8069) nimmt ein Bezirksschornsteinfeger öffentliche Aufgaben wahr und ist damit "staatlich beliehener Unternehmer". Kein Hauseigentümer darf sich einen Dienstleister suchen, der seltener kommt und weniger Geld haben will. Versuche, das Monopol zu kippen, scheiterten bislang immer.

Aber: Es gibt in Deutschland kein Gesetz, das einen Schornsteinfeger vor Polizeianwärter Kowalke schützt ...