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(32) Ein bombiges Fest
Es war Winter. Draußen weihnachtete es, sogar in einer so strukturschwachen Region wie Tief-Ost, wo auf den Lichterbögen nur jede zweite Kerze brannte. In der Heimatzeitung stand, dass der Weihnachtsmann in diesem Jahr nicht kommen würde, weil Bürgermeister Wortmann den Winterdienst gestrichen hatte, aber Polizeianwärter Kowalke wusste, dass die Schmierfinken logen. Der Weihnachtsmann saß seit einer Woche in der Ausnüchterungszelle; Wachtmeister Drombusch hatte ihn bei einer Alkoholkontrolle erwischt.
Kowalke und Drombusch waren allein. Der Revierleiter war vorgestern zum Geschenke kaufen gegangen und seitdem nicht wieder aufgetaucht. POM Schröder war seit Wochen abkommandiert, um eine neue Figur für den dienststelleneigenen Weihnachtsberg zu drechseln. Kowalke hatte wie jedes Jahr 72-Stunden-Festtagsdienst, und Drombusch war nur kurz vorbeigekommen, weil er noch einen Stapel Bußgeldbescheide in Weihnachtspapier einwickeln wollte.
Er war fast fertig, als es klingelte. Vor dem Revier stand der Postbote mit einem Paket. Auf dem Karton stand: Merry X-mas!
"Verschwinde", knurrte Drombusch, "wir haben hier keine Frauen."
Aber der Postbote bestand darauf, das Paket dazulassen. Er hielt den Beamten sein Notepad unter die Nase. "Wenn Sie hier bitte quittieren würden!" Drombusch knallte ihm das Dienstsiegel aufs Display.
"Ich hoffe, da ist ein Stollen drin", sagte der Wachtmeister und schüttelte den Karton. Ein leises Surren ertönte. Das klang nicht wie ein Stollen.
"Vielleicht ein Überraschungsei mit einem Kinderwecker zum Selberaufziehen", meinte Kowalke.
Drombusch dachte nach. Ein Ei? Ein Wecker?
"Verdammt", ächzte er, "das ist eine Bombe!" Sie mussten das Ding unschädlich machen. Aber wie?
Drombusch besaß einige Erfahrung im Entschärfen von Unfallschwerpunkten, aber eine Bombe war ihm bisher nur einmal untergekommen. Damals hatte der Revierleiter seinen neuen iMac mit aufs Revier gebracht, Kowalke drückte auf einen Knopf, und im nächsten Moment erschien die Bombe auf dem Bildschirm. Drombusch hatte sie reaktionsschnell mit dem Wasser aus der Blumenvase unschädlich gemacht. Aber das hier war etwas anderes.
Er rief sich alles über Bomben ins Gedächtnis, was er auf Lehrgängen aufgeschnappt hatte. Die meisten selbstgebastelten Bomben waren so genannte USBVs - unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen. Dann gab es noch die Bomben, die seit dem Krieg auf einigen Feldern der Region wuchsen, die KSBVs - konventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen.
Drombusch betrachtete das Paket. Das hier sah aus wie eine SESBV, eine schwer einzuschätzende Spreng- und Brandvorrichtung. Er horchte am Karton und nahm wieder das Surren wahr. Das klang nach einer GLSBV - einer gleich losgehenden Spreng- und Brandvorrichtung.
Drombusch fasste einen tollkühnen Entschluss. Er zog sein Teppichbodenmesser aus dem Koppel. Er trug das Ding bei sich, um es im Ernstfall einem Asylbewerber unterschieben zu können, der nicht zugeben wollte, dass er ein Terrorist war. Drombusch ließ die Klinge herausratschen und drückte das Messer Kowalke in die Hand. "Du schneidest das jetzt auf!"
"Und Sie, Wachtmeister?"
"Ich sehe hinten auf dem Klo nach dem Rechten."
"Aber den Nazi mussten wir doch laufen lassen, wegen Weihnachten", wandte Kowalke ein.
Drombusch holte tief Luft. "POM Schröder hat gemeldet, dass das Klopapier alle ist. Das muss ich überprüfen."
Kowalke nickte verstehend. Er war mehrfach auf dem Klo gewesen und immer war ihm etwas komisch vorgekommen, ohne dass er es greifen konnte. Nun wusste er, was los war.
"Dann mal ran an den Speck", ermunterte ihn Drombusch und verschwand eilig in Richtung Sanitärtrakt. Er verriegelte die Tür und presste sein Ohr an die Kabackplatte.
Er hörte ein Ratschen und das Geräusch eines aufklappenden Pappdeckels. Dann Kowalkes Jauchzen. Schließlich erklang wieder das mechanische Surren. Verflixt, was tat Kowalke?
"Du Idiot", brüllte Drombusch, "du darfst die Bombe nicht aufziehen!"
"Wieso aufziehen?" kam es zurück. "Da ist ein Akku drin."
Drombusch wagte einen Blick in die Dienststube, und dort saß die Bombe. Sie hatte vier steife Beine, eine Schnauze aus durchsichtigem Plastik, einen rotierenden Schwanz und wenn sie kläffte, hörte es sich an, als hätte jemand einen Mops in eine Gießkanne gesperrt. Am Halsband des Roboterhundes hing eine Weihnachtskarte: "Mit besten Empfehlungen für unsere Polizei. Eure Jungs vom Systemhaus."
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