REVIER TIEF-OST

(33) Der Diensthund


Aus dem Polizeirevier Tief-Ost drangen seit Tagen schlimme Geräusche. Eine Mischung aus Krachen, Knurren und Kläffen, durchsetzt mit Brummen, Brüllen und Bellen. Im Dorf ging das Gerücht um, das Revier sei von Aliens, Zombies oder aufständischen Asylbewerbern übernommen worden.

In Wirklichkeit war alles in Ordnung. Oder fast alles. Denn der neue Roboterhund widersetzte sich den Befehlen des Revierleiters. Er wollte nicht einmal auf Wachtmeister Drombusch hören, der immer wieder mit dem Koppel ausholte.

Der Chef sagte: "Komm!", doch der Hund blieb, wo er war. Der Chef rief: "Geh!", aber der Hund verharrte bewegungslos. Wenn Drombusch dann zuschlug, tänzelte er surrend einen Schritt zur Seite, und die Koppelschnalle des Wachtmeisters riss einen weiteren Fetzen Linoleum aus dem Fußboden.

Als der Postbote ein Päckchen brachte, dachte Drombusch, da sei endlich die Bedienungsanleitung für die Elektro-Töle drin. Aber es waren Kekse. Braune Kekse ohne Schokoglasur, die eigentlich an den Jugendklub geliefert werden sollten.

Das Paket war fehlgeleitet worden, aber vielleicht hatte der Postbote auch bloß einen Vorwand gesucht, um zu sehen, was im Revier vor sich ging.

POM Schröder meldete sich freiwillig zur Lebensmittelkontrolle. Er mampfte, während die anderen weiter mit dem Roboter experimentierten.

Der Hund war ein Weihnachtsgeschenk der Jungs vom Systemhaus. Sie hatten sich daran erinnert, dass Drombusch schon immer einen Diensthund haben wollte. Sein Investitionsantrag war mehrfach abgelehnt worden, denn die Polizei hatte schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht. Sie starben wie die Fliegen, weil die Beamten vom Nachschubdezernat nicht wussten, wie man Pedigree Pal buchstabierte.

Nun besaß das Revier also endlich einen Hund, aber was für einen! Drombusch wollte einen Rottweiler mit spitz zugefeilten Zähnen und Stachelhalsband, nicht so einen Haufen Plastikscheiße aus Südkorea.

Das einzige, was bei diesem Hündchen an einen Rottweiler erinnerte, war der Schwanz. Er war abgebrochen, als der Revierleiter "Sitz!" gerufen hatte und Drombusch hinlangen musste, um dem Befehl Nachdruck zu verleihen.

Die Jungs vom Systemhaus hatten dem Revier in letzter Zeit eine Menge unseriöser Ausrüstung geliefert. Schwarzlicht-Taschenlampen, Tintenklecksdrucker, einen Satz C-Netz-Handys und jetzt diesen Hund.

Das Telefon klingelte.

"Es ist Sérge", sagte Kowalke. "Er ruft wegen der Kekse an." Sérge war der Leiter des Jugendklubs.

Jetzt nicht", fauchte Drombusch. POM Schröder kaute schneller.

"Aber Sérge meint, dass …"

Der Revierleiter machte eine unwirsche Geste. "Schreiben Sie es auf, Polizeianwärter!" Dann wandte er sich wieder dem Hund zu: "Platz! Fass! Lauf! Bring!" Der Hund reagierte auf diese Befehle ebenso wenig wie auf "Zum Teufel, verdammt noch mal!"

Drombuschs Koppel riss einen faustgroßen Krater in den Revier-Fuboden.

Beim nächsten Hieb stolperte der Hund hinein, und der Wachtmeister konnte sich den Roboköter in Ruhe aus der Nähe betrachten. Er hatte Sieblöcher in der Nase, als könne er richtig schnüffeln, und einen kleinen Schalter hinterm Ohr.

Darauf stand: Search Mode, Guard Mode, Drug Mode.

Drombusch stöhnte. "Auch das noch. Das ist ein verdammtes Modehündchen."

"Ich glaube, bei Elektrogeräten steht Mode für Modus" informierte Kowalke.

"Dann schalte ich ihn jetzt mal auf drucken", brummte Drombusch.

Der Schalter rastete im Drug Mode ein, und der Hund rastete aus. Er sprang aus Drombuschs Armen, heulte wie eine Sirene und stürzte sich auf POM Schröder.

Niemand hatte "Schnapp zu!" gerufen, aber der Hund kam dem Befehl trotzdem unaufgefordert nach.

POM Schröder verschwand in einer Wolke aus Hausstaub, Uniformfetzen und Kekskrümeln. Formulare regneten zu Boden, darunter auch der Zettel mit Sérges Telefonnachricht.

Sie lautete: Vorsicht, Haschkekse!