REVIER TIEF-OST

(35) Die Geiselnahme


Als Polizeianwärter Kowalke zur Frühschicht kam, hatte jemand das Kartenlesegerät am Eingang mit einem feuchten Kaugummi kurzgeschlossen. Die Revier-Pforte war innen mit einem Küchenschemel blockiert, und außen hing ein gelber Klebezettel, auf dem stand: Keine Tricks! Ich habe Euren Freund!

Kowalke überlegte, was das heißen sollte, denn wie alle guten Polizisten hatten die Männer vom Revier Tief-Ost keine Freunde.

Im Laufe des Vormittags kristallisierte sich folgende Situation heraus: Der niederträchtige Raubkopierer Tilo der Sauger war während der Nachtschicht ins Revier eingedrungen und hatte POM Schröder als Geisel genommen.

Per SMS übermittelte er seine Forderungen: Rückgabe meiner DVDs. Herausgabe meines Equipments. Und Ihr geht ins Kino und filmt "Mathilde - eine große Liebe" von der Leinwand ab.

Die Miene des Revierleiters drückte Besorgnis aus. "Verdammt, Männer, was ist ein Equipment?"

"Mir doch egal", knurrte Drombusch. "Hauptsache, es rechtfertigt die Verhängung des Ausnahmezustands." Er ließ sofort die Autobahn sperren, alle Starenkästen auf Dauerfeuer stellen und die Pausenklingel der Grundschule abklemmen. Anschließend schickte er Kowalke los, um Verstärkung zu holen und beim Bäcker eine Tüte Pfannkuchen zu konfiszieren.

Inzwischen war eine weitere SMS vom Sauger eingegangen: Wann schickt Ihr meine DVDs?

"Verflixt", sagte der Revierleiter, "die Dinger habe ich meinem Cousin geborgt."

Gegen Mittag wurde der Raubkopierer nervös und drohte damit, seiner Geisel jede Stunde ein Körperteil abzuschneiden. Der Revierleiter erbleichte, aber Drombusch beruhigte ihn: "Keine Panik. Solange er ihm die Arschbacken lässt, kann der Kollege Innendienst verrichten."

Dann kam Kowalke mit den Pfannkuchen. "Die habe ich ohne Gerichtsbeschluss gekriegt", freute er sich. "Sie sind vom Vortag." Außerdem hatte er Rudi den Rollstuhlfahrer mitgebracht. "Das SEK hat heute frei, aber Rudi sagt, er sei im VdK."

Eingeweihte kannten den Rentner auch als den gefürchteten Hacker Silver Surfer. "Ich könnte dem Sauger im Tausch gegen Euren Kollegen ein paar Mod-Chips für die Xbox anbieten", schlug er vor.

Der Revierleiter lehnte ab. "Tut mir Leid, Rudi. Im Handbuch steht, dass man Geiselgangstern keine Knabbereien schicken soll."

Da öffnete sich quietschend ein Revier-Fenster, und das erste Körperteil fiel auf die Straße: POM Schröders Dienstmütze. Er war nie ohne sie gesehen worden. Falls der Sauger vorhatte, sich nach unten durchzuarbeiten, wurde die Zeit knapp.

Rudi nahm seinen Laptop und stellte eine Verbindung zum Revier-Netzwerk her. Eine Webcam zeigte Tilo, der sich mit einer scharf geschliffenen CD-ROM der Geisel näherte.

Rudi wurde hektisch: "Ihr habt doch diesen Roboter-Diensthund. Ich könnte ihn fernsteuern und …"

Aber der Roboter war nicht einsatzfähig. Drombusch hatte ihm letzte Woche die Antenne kupiert, weil er wollte, dass der Hund wie ein Rottweiler aussah.

"Vertraut mir", knurrte der Wachtmeister.

Wieder ging das Fenster auf, und POM Schröders Haarteil fiel heraus. Drombusch warf den Sauger mit einem Pfannkuchen vom Vortag k.o.

"In Ordnung", sagte er dann. "Kowalke setzt Kaffee an. Wenn Tilo aufwacht, sagt ihm, er soll uns einen Marmorkuchen besorgen, falls er sein Equip-Zeugs wirklich wiederhaben will."