REVIER TIEF-OST

(37) Blitzkrieg IV



Beim Frühjahrsputz im Revier Tief-Ost fand Wachtmeister Drombusch einen Stapel vergilbter Bußgeldformulare. In Anbetracht der dramatischen Materialknappheit bei der sächsischen Polizei hielt er ein flammendes Plädoyer für den unverzüglichen Verbrauch der Formulare, bevor die Rechtsbehelfsbelehrung auf der Rückseite vollends verblasste.

"Aber da ist ja gar keine Rechtsbehelfsbelehrung", sagte der Revierleiter.

"Umso besser", knurrte Drombusch.

Der Revierleiter saß gerade über dem Einsatzplan der beinahe abgelaufenen Woche und hatte noch immer keine Idee, was er hineinschreiben sollte. Also gab er nach und ordnete ein großes Frühlingsblitzen an.

"Wenn die Sache ein Erfolg wird, können wir ja eine schöne Tradition daraus machen" stellte er in Aussicht, und der Wachtmeister brummte vergnügt.

Während der Chef Schluss für heute machte, trommelte Drombusch seine Männer zusammen. "Wo ist POM Schröder?" wollte er von Kowalke wissen.

"Der ist soeben zielstrebig den Gang hinunter geeilt", informierte der Polizeianwärter.

"Aha." Drombusch war im Bilde. POM Schröder: zielstrebig, geeilt? Der Revier-Oldie musste gespürt haben, dass es Arbeit gab und hatte sich im Sanitärtrakt verbarrikadiert. Dort würde er eine hochexplosive Diarrhöe vortäuschen, bis die Nacht hereinbrach oder Landarzt Dr. Krätzer auftauchte.

Drombusch wog seine Optionen ab. Er konnte versuchen, POM Schröder aus dem Klo zu locken, indem er versuchte, den Spülwasser-Behälter mit einer Splittergranate zu treffen. Da er die Granate aber im Bogen über die Kabinenwand werfen musste, würde das eine halbe bis eine dreiviertel Stunde dauern. In derselben Zeit konnte er draußen an der Landstraße ein halbes bis ein ganzes Kilo Knöllchen verteilen.

"Abmarsch", sagte er zu Kowalke. "Aber zügig!"

Sie bauten ihre Radarfalle zwischen einer Krüppelkiefer und einer Brennnesselrabatte auf, hängten sechs Tarnnetze darüber und schraubten eine frische Birne in den Blitzer. Der Wachtmeister justierte das Gerät so, wie er es bei seiner Frau gelernt hatte, die eine gnadenlose Politesse im Landratsamt war.

Drombusch verehrte seine Frau. Sie hatte ihm gezeigt, wie man eine Radarfalle so einstellte, dass sie beim geringsten Verdacht losging. Zwar mussten die Beamten nach jedem Einsatz unzählige Fotos von Würmern, Schnecken und Kriechtieren aussortieren, aber die Drombuschs fanden, dass die Verkehrssicherheit den Aufwand rechtfertigte.

Polizeianwärter Kowalke hatte zwei Kartoffelkanonen mitgebracht, die er im Vorjahr beschlagnahmt hatte. Er lief hundert Meter die Straße hinunter und richtete die Waffen auf den Gegenverkehr.

Sein Auftrag lautete, jedem Auto, das andere Fahrer mittels Lichthupe warnen wollte, die Lampen auszuschießen. Allerdings wusste er nicht, woran er rechtzeitig erkennen sollte, dass ein Autofahrer Lichthupe geben wollte. Deshalb ging er einfach auf Nummer sicher.

Nach einer halben Stunde ging Kowalke die Munition aus, und er lief zum Radarfallenversteck, um bei Drombusch etwas Kleingeld für den Bauernmarkt zu beantragen.

Der Wachtmeister war in einen heftigen Disput mit mehreren zornigen Verkehrsteilnehmern verwickelt. Um ihn herum standen: Ein Traktorist, ein Mähdrescherfahrer, ein Dampfwalzenpilot und ein kleiner Junge auf einem Dreirad.

"Währet den Anfängen", grollte Drombusch und forderte den Jungen zur Herausgabe seines Taschengeldes auf.

Die Fahrer tobten und verlangten den Film aus dem Blitzgerät. Drombusch informierte sie süffisant grinsend, dass die Daten sofort ans Revier, den Verfassungsschutz und an ihren Arbeitgeber gefunkt würden, wenn jemand die Radarfalle anfasse.

"Außerdem hat das Gehäuse ein neues Vorhängeschloss aus doppelt poliertem Messing mit einstelliger Zahlenkombination", platzte Kowalke heraus. Drombusch verdrehte die Augen.

Dann schlug er vor, die Sache an Ort und Stelle beizulegen, zog die vergilbten Knöllchen aus der Tasche und fing an, Schätzwerte hineinzuschreiben.

Die Fahrer fanden, dass der Wachtmeister sehr großzügig war, besonders beim Runden, und sie trollten sich, ehe Drombusch seine Meinung änderte.

Ungefähr zwei Wochen später erhielt Drombusch einen Anruf aus der Bußgeldstelle. Seine Frau war dran. "Sag mal, Horst, was ist hier los? Seit eurem großen Frühlingsblitzen bezahlen alle ihre Knöllchen in Mark der DDR."




Diese Geschichte war eine gute Gelegenheit, endlich wieder einmal Wachtmeister Drombuschs Frau, die gnadenlose Politesse zu erwähnen, die im Roman "Die Männer im Revier Tief-Ost" einen kurzen, aber umso wirksameren Auftritt hatte - leider blieb sie nur in dieser Online-Fassung drin. In der Zeitungsfassung fehlte sie aus Platzgründen.

Aufmerksame Leser werden den Fehler vielleicht schon bemerkt haben, der dem Autor im Roman unterlaufen ist: Drombuschs Frau heißt Erika. Auf Seite 150 des Romans wird sie jedoch VERA Drombusch genannt. Mario Ulbrich kleinlaut: "Da spukten mir wohl wirklich "Oh, diese Drombuschs" im Hinterkopf herum, obwohl ich immer versichere, dass Wachtmeister Drombusch nichts, aber auch gar nichts mit der ZDF-Fernsehserie zu tun hat."

Einmal mehr musste POM Schröders Kurzauftritt aus der Zeitungsfassung gestrichen werden. Die Geschichte war wieder einmal viel zu lang geraten.