REVIER TIEF-OST

(38) Schlüssige Ermittlungen



Wachtmeister Drombusch brütete über seinem kniffligsten Fall. Es ging um ein Geburtstagsgeschenk für seine Tochter Bärbel. Sie wünschte sich einen Computer, doch jedes Mal, wenn Drombusch mit einem Postwurfprospekt zum Aldi fuhr, waren die Rechner schon fort.

"Die werden uns buchstäblich aus den Händen gerissen, Herr Wachtmeister", sagte Karla von der Kasse. Das hörte sich nach schwerem Raub an, und Drombusch hatte beschlossen, dass jemand dafür hinter Gitter musste, natürlich noch vor Bärbels Geburtstag.

Vorige Woche hatte er sämtliche Fingerabdrücke auf der Rechner-Palette im Supermarkt erfasst. Seitdem war er aber noch nicht weitergekommen.

Er konsultierte Margitta Mehlhorn von der K, doch die Kriminalistin machte ihm wenig Hoffnung: "Ein Abdruck alleine reicht nicht. Um jemanden zu verhaften, brauchen wir ein Paar, das zusammenpasst. Wie bei diesem Kinderspiel - Memory."

Drombusch verstand das Prinzip. Das Revier verfügte über ein Verkehrszeichen-Memory, das sie Autofahrern im Rahmen der allgemeinen Verkehrskontrolle vorlegten. Wenn Drombusch schlechte Laune hatte, ließ er die doppelten Karten daheim und nahm stattdessen einen zweiten Strafzettelblock mit.

Die Tür zum Chefzimmer ging auf, und der Revierleiter steckte seinen Kopf heraus. "Horst, woran sitzt du gerade?" wollte er wissen.

"Computerkriminalität", knurrte Drombusch.

"Das muss warten. Hier bahnt sich nämlich eine Katastrophe an."

Die anderen Beamten saßen um den Computer des Revierleiters herum. Die Jungs vom Systemhaus hatten den Chefrechner kürzlich mit einer verschließbaren Klappe aufgerüstet, weil der Chef Unmengen sensibler Daten auf seiner Festplatte hatte: Den Plan fürs Stuben- und Revierreinigen, die Tabelle der polizeiinternen Skatliga und die Festzeitung, an der die Beamten anlässlich von POM Schröders bevorstehender Silberhochzeit arbeiteten.

Doch heute war die Klappe am Computer zu, und der Revierleiter kam nicht an den Einschaltknopf heran. "Wenn wir den Schlüssel nicht finden, kann ich unseren Stundenzettel nicht ausfüllen, und wir bekommen nächsten Monat kein Geld."

Das war in der Tat alarmierend. POM Schröder räusperte sich und hob zu einem Vortrag über die gute alte Zeit an, als Stundenzettel noch nicht in Excel-Tabellen, sondern auf Karopapier geschrieben wurden. Damals konnte man auch noch behaupten, man habe sich beim Zusammenrechnen verzählt. Seitdem es Excel gab, zählte der Computer. "Der einzelne Beamte zählt heutzutage ja gar nichts mehr", maulte POM Schröder.

Auch Polizeianwärter Kowalke wirkte unglücklich. Im Gegensatz zu POM Schröder arbeitete er freiwillig, aber er brauchte jeden Cent. Letzten Monat hatte er sich eine 5.1-Lautsprecheranlage gekauft und nun sparte er auf einen Fernseher und einen DVD-Player.

Kowalke trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Plötzlich fiel ihm etwas ein: "Schlieder!"

Der dorfbekannte Kaffeekassenknacker war ein berüchtigter Schatullenschänder, und die Schlösser, an denen er sich üblicherweise vergriff, ähnelten stark dem Schloss am Chefrechner.

"Fahndung läuft", nickte der Revierleiter.

Schlieder war in seinem Schrebergarten. Er stand hinter dem Holzkohlegrill und stopfte fettige Würstchen in sich hinein. Als er die Beamten näher kommen sah, drohte er damit, Grillanzünder in die Glut zu spitzen und die Würstchen unbrauchbar zu machen. Aber der Revierleiter versicherte ihm, dass sie nicht wegen eines verjährten Ladendiebstahls gekommen waren. "Wir brauchen Ihre Hilfe, Herr Schlieder."

"Ach ja?" Der Kaffeekassenknacker war misstrauisch. Er verlangte ein Zeichen, dass die Beamten es ernst meinten - beispielsweise, dass Drombusch Bitte sagte.

Der Wachtmeister brummte etwas Unverständliches, aber es klang weniger bedrohlich als sonst, und Schlieder war überzeugt.

Im Revier ließ er sich eine Büroklammer überreichen. Polizeianwärter Kowalke musste den Draht nach Schlieders Anweisungen zurechtbiegen, dann schob der Kaffeekassenknacker den fertigen Dietrich mit großer Geste ins Schloss und verlangte, dass die Beamten wegsahen. "Nicht umdrehen!"

Im nächsten Moment schnappte die Klappe am Chefrechner auf. "Kann ich euch sonst noch irgendwie behilflich sein?" fragte Schlieder frech.

"Ja", knurrte Drombusch, "eine Kleinigkeit wäre da noch." Er hatte auf seinem Bildschirm die Verbrecherkartei mit Schlieders Fingerabdrücken aufgerufen. Nun presste er den fettigen Daumen des Kaffeekassenknackers auf die Monitor-Scheibe.

"Ein Pärchen, das passt."

Drombusch entschied, dass der aktuelle Fall damit abgeschlossen war. Vielleicht bekam seine Tochter keinen Computer zum Geburtstag, aber es würde jemand dafür ins Gefängnis gehen.