REVIER TIEF-OST

(40) Plauschangriff



Im Polizeirevier Tief-Ost herrschte gespenstisches Halbdunkel. Nur der Bildschirm eines einzelnen Laptops spendete fahles Licht. Die Gesichter der Beamten ringsum erschienen leichenblass.

"Verdammt, ich hätte mehr Make-up auflegen sollen", stöhnte Kriminalmeisterin Margitta Mehlhorn. "Natürlich hättet ihr auch die kaputten Röhren wechseln lassen können."

Der Revierleiter hob entschuldigend die Schultern. "Die Polizei hat kein Geld, und unser Gasversorger hat diesmal sogar die Preise für Leuchtgas erhöht."

Die Kriminalistin war zur Observierung einer Observation ins Revier abgestellt worden.

"Klingt cool", krähte der eifrige Polizeianwärter Kowalke. "Hat das etwas mit dem Alien-Raumschiff zu tun, das Kevin Kotzak entdeckt hat, im Ob … Obser …"

"Im Schulobservatorium", half Margitta Mehlhorn aus. Kevin Kotzak war der Vorzeigeschüler des Juhnke-Gymnasiums. Er hatte einen überirdischen Notendurchschnitt, schrieb utopische Kurzgeschichten und besaß auch ansonsten eine rege Phantasie.

"Nein", sagte die Kriminalistin, " es geht um das Etablissement von Helena Pimpernova."

Wachtmeister Drombusch grunzte wissend. Er vermutete seit langem, dass die Exil-Tschechin ein Geheimnis hatte. Die Lampen in ihrem Gehöft am Waldrand hatten rote Glühbirnen, die blinkten. Wahrscheinlich übermittelte die Bordellchefin ausländischen Mächten irgendwelche Codes.

"Oder dem Ufo", ergänzte Kowalke.

Margitta Mehlhorn ging nicht darauf ein. Das Innenministerium erstickte in Wachtmeister Drombuschs Verdachtsmomentauflistungen, wie er seine Berichte nannte, und hatte beschlossen, der Bordell-Sache auf den Grund zu gehen, ehe der hartnäckige Polizist auch den letzten Packen Kopierpapier mit seinen Wahrnehmungen bezüglich der Roten Lotuslampe vollschrieb.

Heute Abend hatten sie einen verdeckten Ermittler in das Bordell eingeschleust und verfolgten am Laptop die Bilder, die von seinem Aufklärungs-Equipment übermittelt wurden.

Aus verschiedenen Gründen war die Wahl auf POM Schröder gefallen. Der Revier-Oldie hatte die meiste Erfahrung im Verwanzen. Er prahlte sogar damit.

"Früher in der DDR hatten wir natürlich nicht diesen ganzen Technikkram", erzählte er immer. "Trotzdem waren wir unserer Aufgabe gewachsen. Wir haben uns einfach vier Wochen lang nicht gewaschen."

Mit feuchten Augen hatte er die Wahl zum Undercover-Bordellkundschafter angenommen. Auch seine Mundwinkel waren feucht gewesen.

Nun saß POM Schröder in Zivil im Massagesalon der Lotuslampe und wartete darauf, dass etwas Verfängliches geschah. Das heißt, statt Zivil trug er längst nur noch ein Badetuch um die Hüften. Drombusch hatte den sofortigen Zugriff verlangt, aber Margitta Mehlhorn meinte, die Situation sei noch nicht verfänglich genug.

In POM Schröders Brille war eine Minikamera eingebaut worden, die seit einer Viertelstunde den Teppichboden zeigte, der leicht wackelte.

"Vielleicht kriegen wir ein Erdbeben", mutmaßte der Revierleiter.

"Nein", sagte Margitta Mehlhorn. "Die Masseuse knetet ihn durch. Er liegt auf dem Bauch."

Sie schaltete auf die Geldscheinwanze um, die POM Schröder beim Bezahlen im Büro der Bordellchefin hinterlassen hatte. Gerade erschien ein neuer Kunde. Ein schmaler Mann mit einem breiten Aktenkoffer.

"Was haben Sie uns diesmal mitgebracht?" erklang die rauchige Stimme von Helena Pimpernova. Oha, kein Kunde? Das versprach, interessant zu werden.

"Die Ware ist nicht billig, aber ihr Geld wert", sagte der Mann.

Klick. Der Revierleiter interessierte sich mehr für den Massagesalon. Die Brillenkamera zeigte jetzt eine weiße Fläche mit wirbelnden Holzspänen.

"Raufasertapete", erkannte Margitta Mehlhorn. "Er wird noch immer durchgeknetet, liegt jetzt aber auf dem Rücken." Zur Bestätigung zeigte sie auf die Echtzeit-Grafik, welche die Körperfunktionen des alten Polizisten wiedergab. Der Herzrhythmus war stark erhöht.

"Was hat diese Skala zu bedeuten?" erkundigte sich Drombusch.

"Vermutlich ist die Masseuse hübsch." Achselzuckend schaltete Margitta Mehlhorn zurück ins Büro, wo der schmale Mann seinen breiten Aktenkoffer öffnete. "Neueste Technik", warb er mit öliger Stimme. "Wir liefern sie auch mit extrastarken Motoren, Solarbatterie und Hightech-Beschichtung aus der Weltraumforschung."

Drombusch sah die Kriminalistin herausfordernd an. Geheimnisverrat! Hatte er nicht wieder mal den richtigen Riecher gehabt?

Dann schrillte der Laptop los. POM Schröders Kreislaufdiagramm kollabierte!

Margitta Mehlhorn rief die Brillenkamera auf. Das Bild war schwarz, verwackelt und zeigte eine Struktur wie zuvor der Teppich.

"Endgeil", staunte Kowalke. "Da sitzt jemand auf der Brille."

Margitta Mehlhorn befahl den Zugriff.

Die Beamten stürmten die Rote Lotuslampe. Drombusch schoss der Bordellchefin die Kontaktpfeile seines Elektroschockers in die Brust. Es stank nach verbranntem Plastik. Dann legte er dem Spion eine dicke Knebelkette um den dünnen Hals. Im Vestibül unterzog der Revierleiter das Personal einer Unterleibsvisitation.

Margitta Mehlhorn rannte in den Massagesalon zu POM Schröder.

Kammerflimmern!

"Schnell", schrie sie, "wir brauchen einen Defibrillator!"

"Defi … was?" Polizeianwärter Kowalke wühlte im Aktenkoffer des Spions. "Alles Roger! Hier sind welche. Wollen Sie ihn mit oder ohne Noppen?"



Die Jubiläums-Folge 40 sollte etwas Besonderes werden. Ursprünglich dachte ich an eine Geschichte unter dem Titel "Der Werwolf", in der eine neue Figur eingeführt werden sollte, nämlich Bernd Maulschläger, der Naturschützer

Aber dann entschied ich mich, endlich den seit langem geplanten, aber nie realisierten "Plauschangriff" zu schreiben. Das war die Chance, auch wieder einmal das Bordell "Rote Lotuslampe" und Helena Pimpernova, die Exil-Tschechin ins Spiel zu bringen, die beide im Roman "Die Männer vom Revier Tief-Ost" eine Rolle spielen.

Dort muss ja bekanntlich Polizeianwärter Kowalke die Rolle des Undercover-Agenten übernehmen, in der er dann für heilloses Durcheinander sorgt. POM Schröder hätte gern gewollt, durfte aber nicht, weil ihn die Mädchen aus der Lotuslampe bereits kannten. Diese Geschichte hier könnte die Erklärung dafür sein, woher sie ihn kannten.

In der Zeitungsfassung musste wegen extremer Überlänge etwa die Hälfte der Story gestrichen werden. Das komplette Vorgeplänkel fiel der Löschtaste zum Opfer - die Leuchtstoffröhren und Kevin Kotzak. Nötig sind sie nicht, aber ein netter Bonus, wie ich finde.