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(42) Der Werwolf
In der Region Tief-Ost ging ein Monster um. Das Untier hatte POM Schröders Siamkater gefressen und ein Blutbad im Meerschweinchengehege des Kindergartens Pustekuchen angerichtet. Die Verdauungsrückstände hatte es in Form einer kegelförmigen Halde im Garten des Seniorenstifts zurückgelassen. Nun rüstete sich die einheimische Polizeimacht zur Treibjagd.
"Schreibt man Wesen, das sein Unwesen treibt" , sinnierte Polizeianwärter Kowalke über dem Einsatzprotokoll, "oder Unwesen, das sein Wesen treibt? "
"Spinowski glaubt, es handelt sich um einen Werwolf, der den Krieg gegen die Vampire überlebt hat", informierte der Revierleiter. Ralf Spinowski war der örtliche Verschwörungstheoretiker.
"Und wie schreibt man Werwolf?" erkundigte sich Kowalke. Drombusch zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Wir können bloß hoffen, dass Ralf wieder mal komplett daneben liegt."
Eine Stimme von der Tür her nährte seine Zuversicht. "Es ist ein Wolf. Ohne Wer."
In die Amtsstube trat Bernd Maulschläger, der Naturschützer, ein massiger Mann mit einem Sechstagebart und Kraftbändern aus Schneeleopardenfell um die haarigen Handgelenke. Er trug Mokassins aus Hirschkalbsleder, eine Biberschwanzkappe und eine ärmellose Weste aus Teichmolchleder.
"Kannst du Wolf-ohne-Wer mal buchstabieren", verlangte Kowalke, aber Drombusch fuhr dazwischen: "Ich hoffe, ihr wollt dieses Viech nicht in die Rote Liste schreiben, Bernd. Bei uns steht es nämlich schon auf der schwarzen Liste." Der Wachtmeister lud demonstrativ seine Dienstpistole durch, die berüchtigte Heckler und Koch P9, die ohne Zutun des Schützen losgehen konnte.
"Nö", machte der Naturschützer. "Dieser Wolf wurde von unserer Liste gestrichen, nachdem er letzte Nacht ins Rassekaninchenzüchterheim eingedrungen ist. Sie sind alle tot."
"Fein", grunzte Drombusch, "Die Kerle haben immer die Zufahrt zum Schrebergarten zugeparkt."
Dann erläuterte Bernd Maulschläger, was es mit dem Wolf auf sich hatte. Die Naturschutzgruppe hatte dem Tier ein Radiohalsband umgeschnallt, um herauszufinden, wo es jagte, wo es schlief, und welche Paarungsstellungen es bevorzugte.
"Woran erkennt ihr, dass er sich paart", fragte POM Schröder.
"Das Signal ist ortsfest, geht aber sehr schnell rauf und runter."
Drombusch ging etwas anderes durch den kopf. "Ihr habt das Halsband hoffentlich bei der GEZ angemeldet?"
"Na ja", machte Bernd Maulschläger. "Naturschutz geht vor, oder?"
Die Jungs vom Systemhaus hatten ein hoch modernes Radiohalsband zusammengeschraubt. Es verfügte über Rauschunterdrückung, sendete sein Piepsignal in Dolby Surround und die Reichweite entsprach der Länge des Erdradius.
"Ich vermute, sie haben vergessen, das Gerät abzuschirmen", meinte der Naturschützer. "Das Gehirn des Wolfs wurde gekocht und nun läuft er Amok."
Die gestandenen Polizisten nickten wissend. Es war dasselbe Problem wie mit Kowalkes Handy, nur dass der Polizeianwärter noch keine Kaninchenzüchter fraß.
Bernd Maulschläger klappte seinen Laptop auf und deutete auf einen roten Punkt, der piepsend über eine digitalisierte Landkarte kroch. "Da ist der Wolf. Ihr müsst ihn nur noch schnappen."
"Easy", krähte Kowalke, doch damit lag er falsch, denn der Wolf erwies sich als wesentlich durchgeknallter als der Naturschützer zugeben wollte.
In einem Kiefernwäldchen überraschte er einen Jäger auf seinen Hochsitz. Ehe der Mann anlegen konnte, war der Wolf im toten Winkel und verbiss sich in den Stützpfeiler. Die hinzueilenden Beamten konnten nur noch die totale Zerspanung des Hochstandes und den Kreislaufkollaps des Jägers feststellen.
Als nächstes tobte der Wolf durch die Schulspeisung des Juhnke-Gymnasiums. Es gab Gulasch, aber das Monster rührte nichts an, und Drombusch verstand allmählich, wieso seine Tochter immer das Mittagessen schwänzte.
Das Problem mit dem Radiohalsband war, dass man ihm zwar prima folgen, dem Wolf aber nie zuvorkommen konnte. Doch Drombusch ahnte, wo er als nächstes hinlaufen würde: Zurück in den Garten des Seniorenheimes, diesmal, um sich zu übergeben.
Als der Wolf röchelnd sein Geschäft verrichtete, sprang Drombusch knurrend hinterm Busch vor. Es war dieselbe Haltung, die er bei Verkehrskontrollen annahm. Der Wolf klemmte die Rute ein und rannte panisch davon - mitten ins Heim!
Drinnen schob sich ihm Rudi, der Rollstuhlfahrer, todesmutig in den Weg, wurde jedoch mit einem Satz übersprungen.
"Glück gehabt, Rudi" keuchte Drombusch. "In einem Damespiel wärst du jetzt tot."
"Was war das eigentlich?" wollte Rudi wissen.
"Ein Wolf-ohne-Wer", rief Kowalke im Vorüberhasten.
"Warum ist das Vieh dermaßen von der Rolle?" wunderte sich Rudi.
Das Rätsel löste sich, als der Wolf am anderen Ende des Ganges auf POM Schröder und den Revierleiter traf. Da der Revier-Oldie nicht schnell genug zur Seite taumeln konnte, prallte er mit dem Wolf zusammen. Beide gingen benommen zu Boden, wo der Chef dem Untier zwei Paar Handschellen um die Läufe klickte.
Stille kehrte ein.
Das heißt, nicht ganz.
Denn die Jungs vom Systemhaus hatten es diesmal eindeutig übertrieben. Aus dem Radiohalsband dudelte ein gewagter Mix aus Rap- und Popmusik von Sachsens beliebtesten Privatradio.
"Macht das Ding aus", fauchte Drombusch. "Ehe hier drin alle zu Bestien werden."
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