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(43) Bio Hasard
Wachtmeister Drombusch saß im Revier Tief-Ost und erwartete das Ende seiner Laufbahn. Seine Vorgesetzten waren der Meinung, dass ihm die jüngste Jugendschutzkontrolle beim Abschlussball am Juhnke-Gymnasium entglitten war. Er selbst fand das nicht. Es hatte lediglich einen kleinen Stau am Einlass gegeben, weil er darauf bestand, den jungen Leuten die Tattoos vom Arm zu schaben.
Dann war Polizeianwärter Kowalke mit dem Einsatzformular gekommen. "Wachtmeister, lesen Sie bitte noch einmal. Hier steht nichts von Jugendschmutz, es heißt Jugendschutz."
Das war aber doch kein Beinbruch, oder? Er hatte schließlich nur ein paar Arme brechen müssen, um die Tätowierungen zu entfernen.
Als der Revierleiter aus dem Polizeipräsidium zurückkehrte, erwartete Drombusch, dass er seine Entlassungspapiere bekommen würde. Stattdessen trat ein Zivilist an der Seite des Chefs in die Dienststube. "Darf ich vorstellen: Professor Ingo Rudwaleit, der Multimedia-Berater des Innenministeriums."
Der Multimedia-Prof war ein lässiger Mittfünfziger mit blondiertem Dreitagebart. Wäre er nicht in Begleitung des Revierleiters gewesen, hätte ihn Drombusch wegen Verdachts auf Zuhälterei arretiert. Rudwaleit kam unverkennbar aus den alten Bundesländern. Allein sein Schlips war soviel wert wie das Jahresbudget des Reviers Tief-Ost. Der Chef erläuterte die Anwesenheit des Westländers: "Wir nehmen an einem Pilotprojekt teil!"
"Endgeil!" krähte der eifrige Polizeianwärter Kowalke. "Ich wollte schon immer Flieger werden!"
Rudwaleit räusperte sich. "Nun, eigentlich geht es um Biometrie." Kowalke duckte sich instinktiv. In beiden Fächern war er nicht gut gewesen. "Biometrie ist der neueste der Schrei", sagte der Professor. "Mal zum Mitdenken ausgedrückt: Biometrie macht den Menschen messbar."
Drombusch schnaufte verächtlich. Seine Frau konnte das seit langem. Sie verwendete eine alte Personenwaage. Als er mit den Jahren zugenommen hatte, kaufte sie einfach eine zweite hinzu.
"Hör zu, Horst", sagte der Revierleiter, "das wird dir gefallen."
Ingo Rudwaleit erläuterte, dass es bei der Biometrie darum ging, die Bevölkerung erkennungsdienstlich zu behandeln, um bei Bedarf die Terroristen aussieben zu können.
Drombusch nickte. Schon vor Jahren hatte er vorgeschlagen, Strolche wie den Kaffeekassenknacker Schlieder, den Brieftaschenschlitzer Dolonski und den Dönerverkäufer Ali Musterfa durch gelbe Kuhmarken am Ohr zu kennzeichnen. Aus dem Innenministerium war nie eine Antwort gekommen.
Bis heute.
"Dank moderner Technik verwenden wir keine Ohrclips", sagte der Professor. "Wir vermessen die Augen, das Gesicht, die Hände und die Stimme der Leute."
Drombusch verstand das Konzept. Sicherheit durch Gesichtskontrollen. Terroristen verrieten sich durch Schlitze in den Augen, flächige Gesichter, schwielige Hände und knarzende Stimmen. Sie waren leicht zu erkennen.
"Wer dann noch frei herumläuft, den kriegen wir durch Fingerabdrücke", sagte Rudwaleit. "Wussten Sie, dass bereits die alten Chinesen Fingerabdrücke verwendeten, um Protokolle zu unterzeichnen?"
Polizeianwärter Kowalke horchte erfreut auf. Wenn er Dokumente bearbeitete, stand er wegen seiner Fettfinger häufig unter Kritik. Offenbar zu Unrecht.
"An die Arbeit, Männer", befahl der Chef.
In den folgenden Tagen wurden systematisch die Körperdaten der Tief-Ost-Bevölkerung erfasst. Im Flur des Reviers wurde dafür eine komplette Messtrecke aufgebaut. Kowalke rannte mit einem nagelneuen Schnappbandmaß durchs Objekt, POM Schröder tippte Augenfarben in den Computer ein, und der Revierleiter führte Buch über die Bartwuchsneigung der Leute - ein weiteres Merkmal, um Terroristen zielsicher zu erkennen. Offenbar litten in der Region Tief-Ost vor allem Frauen unter extremistischen Neigungen.
Vom Ende des Flurs ertönten dumpfe Schläge, durchsetzt von den wilden Flüchen der Probanden. Dort saß Drombusch hinter einem riesigen Stempelkissen. "Nicht doch, Herr Wachtmeister", rief der Professor. "Das ist für die Fingerabdrücke. Die Gesichtsmaße erfassen wir mit einem Messschieber."
Die Stunde der Wahrheit nahte, als im Heimatmuseum eine Ausstellung von Buckelbergwerken stattfand. Das waren kunstvoll geschnitzte Szenenbilder, die zum Leben erwachten, wenn man einen Euro in den Schlitz warf. Ganz Tief-Ost kam, um zu sehen, was die Altvorderen unter Tage getrieben hatten. Ingo Rudwaleit fand, das war eine gute Gelegenheit, um ein paar Terroristen auszusieben.
Polizeianwärter Kowalke wurde mit einem Messgerät am Eingang postiert. Die anderen Beamten hielten sich in voller Kampfmontur für einen sofortigen Zugriff bereit.
Am Abend war POM Schröders Rückgrat unter der Last der Schutzweste verbogen, und die Geldkassetten der Buckelbergwerke waren ausgeräumt worden.
"Schlieder!" fluchte der schwitzende Drombusch. "Er muss hier gewesen sein."
"Yup", bestätigte Kowalke. "Er kam vorhin hier durch."
"Und warum haben Sie ihn nicht gescannt?" Der entnervte Professor wies auf das Gerät in Kowalkes Händen.
"Sie sagten, das ist ein Iris-Scanner. Unserer Datenbank zufolge heißt Schlieder aber Heinz."
Wie meistens war auch diese Geschichte ungefähr doppelt so lang wie das, was in die Spalte auf der Seite "Internet und Computer" passt. Den Kürzungen fiel unter anderem der komplette Einstieg zum Opfer. "Die Jugendschmutzkontrolle" gab es in der Zeitungsfassung nicht. Stattdessen warten die Beamten vergeblich auf ihr Weihnachtsgeld:
"Die Männer vom Revier Tief-Ost erwarteten ihren Chef von der Lagebesprechung im Polizeipräsidium zurück. Statt einer Tüte voller Weihnachtsgeld brachte er einen Zivilisten mit. "Darf ich vorstellen: Professor Ingo Rudwaleit, der Multimedia-Berater des Innenministeriums."
Anmerkung für ganz aufmerksame Leser: Ja, der Multimedia-Prof. Ingo Rudwaleit hieß bis vor kurzem noch Enno Twellenkamp. Ein herrlich bescheuerter Name, der für einen Wessi im zweiten Roman "Die Pyramiden von Tief-Ost" dringend benötigt wurde. Deshalb wurde er hier eiskalt gegen Ingo Rudwaleit ausgetauscht, ein Name, der ja auch nicht ganz unbescheuert klingt.
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