REVIER TIEF-OST

(44) Blitzkrieg V



Im Polizeirevier Tief-Ost fielen Ostern und Weihnachten auf einen Tag. Anlässlich des bevorstehenden Jahresendfestes hatten die Jungs vom Systemhaus den Revier-Rechnern eine kostenlose Wartung spendiert. Die Computer waren jetzt viel absturzsicherer als zuvor. Zwar fror das Bild auf den Monitoren noch immer dreimal täglich ein, aber die findigen Techniker hatten die Rechnergehäuse fest mit den Schreibtischen verdübelt, sodass sie wirklich nicht mehr abstürzen konnten.

Die Hochstimmung über den gelungenen Schachzug währte nur Minuten, denn kaum waren die Computer wieder hochgefahren, wurden die Techniker von dem notorisch schlecht gelaunten Wachtmeister mit einem Phänomen konfrontiert.

"Seht euch das hier mal an. Das kann doch nur ein Bildfehler sein, oder?" Drombusch deutete auf ein Foto, das aus der neuen stationären Blitzanlage am Ortseingang stammte.

"Nein", meinten die Jungs vom Systemhaus, "das ist ein Tier, ein Rehbock oder so."

Das Bild war stark verwackelt, aber man konnte deutlich sehen, dass der Rehbock grinste.

"Mag sein, aber wie kommt so etwas auf ein Blitzfoto?" wollte Drombusch wissen.

"Eigentlich nur mithilfe von Photoshop", erwiderten die Techniker, aber der Wachtmeister versicherte ihnen, dass er Polizeianwärter Kowalke solche Späße ausgetrieben habe.

"Dieses Foto wurde erst letzte Nacht aufgenommen. Also, wie geht so etwas?"

Die Jungs vom Systemhaus gaben ihre übliche Antwort: Sie zuckten die Schultern. Daher beschloss der Revierleiter, einen echten Experten hinzuzuziehen: Bernd Maulschläger, den Tierschützer.

Maulschläger war ein massiger Mann mit einem Sechstagebart und Kraftbändern aus Schneeleopardenfell. Er trug Mokassins aus Hirschkalbsleder, eine Biberschwanzkappe und eine ärmellose Weste aus Teichmolchleder.

"Das ist kein Rehbock", dröhnte er. "Es ist ein Rentier. Und es grinst auch nicht. Der Flugwind verzieht ihm die Lefzen."

Das erklärte, weshalb das Rentier den Blitzer ausgelöst hatte, aber nicht, woher es kam.

Nach und nach entdeckte der Tierschützer weitere Einzelheiten: Das Rentier hing in einem Geschirre. Es zog eine schwere Last, beispielsweise einen Schlitten. Und es wurde von jemandem gelenkt. "Da ist ein Mann im Hintergrund." Bernd Maulschläger wies auf einen verschwommenen Schemen. "Ahnt ihr, was ich denke?"

Drombusch grunzte. "Du denkst doch nicht ernsthaft, wir glauben an den Weihnachtsmann?"

Polizeianwärter Kowalke machte große Augen. Erst letzte Woche hatte ihm der Wachtmeister weisgemacht, Polizisten, die bis Weihnachten nicht mindestens 1000 Knöllchen verteilt hatten, würden in den Sack gesteckt und in ein Forstrevier versetzt.

"Nicht der Weihnachtsmann", sagte Maulschläger. "Gratuliere, ihr habt soeben die Existenz von Santa Claus bewiesen."

Der Verkehrssünder war Amerikaner. Er lebte am Nordpol, hielt Elfen und trank fünf Liter Coca Cola täglich, weshalb er einen Stretch-Schlitten fahren musste. POM Schröder zog ein Gesicht wie acht Wochen Dauerschnee. "Jetzt machen sich diese dicken Amis auch noch bei uns breit."

"Nicht mehr lange", versprach Drombusch und leitete eine Ringsuche im Polizeinetzwerk ein. Mit Erfolg: Der Raser war von mehreren Blitzstationen erfasst worden. Die Fotos offenbarten, dass Santa Claus gegen mehrere Paragrafen der sächsischen Belade-Verordnung verstoßen hatte und keinen Sicherheitsgurt trug. Am meisten wurmte es Drombusch, dass der Schlitten kein Nummernschild hatte, weshalb unklar blieb, wohin der Bußgeldbescheid geschickt werden sollte.

Aber der Wachtmeister ließ nicht locker. Eine Internet-Recherche ergab, dass der Santa Claus die Angewohnheit hatte, Häuser am Heiligabend durch den Kamin heimzusuchen. Da Weihnachten erst morgen war, kombinierte der Wachtmeister, dass die Amokfahrt letzte Nacht nur der Aufklärung gedient hatte. Offenbar wollte der fremdländische Weihnachtsmann herausfinden, welche Schornsteine mit dem Schlitten befahrbar waren und welche in einem Heizkessel endeten.

"Den schnappen wir uns", knurrte Drombusch. Er befahl Bernd Maulschläger, seinen Netzwerfer zu holen. Das war eine Art Bazooka, die ein engmaschiges Nylonnetz verschoss. Der Tierschützer benutzte das Gerät, um seltene Tierarten am Abwandern aus der Region Tief-Ost zu hindern.

Am nächsten Abend richtete Polizeianwärter Kowalke die Laserpistole auf den nahenden Schlitten. "34 Stundenkilometer", verkündete er. Das war nicht viel, aber Drombusch hatte ein mobiles Tempo-10-Schild aufgestellt. Er nickte und unterband die Weiterfahrt des Santa Claus mithilfe der Netzkanone.

"Zulassung und Führerschein!", grollte Drombusch. Er zerrte den Delinquenten unsanft aus dem Netz. "Wussten Sie nicht, dass man auf Passfotos keine Mützen tragen darf?" Er schnüffelte. "Was ist das?"

"Jim Beam und Cola", assistierte Kowalke.

Drombusch war in Fahrt. "Wurden Ihre Huftiere gegen Maul- und Klauenseuche geimpft?"

Als der verwirrte Santa Claus nicht antwortete, zog Drombusch ein Paar Handschellen aus dem Gürtel. "Wir verbringen Sie zur Klärung der Angelegenheit aufs Revier."

"Ich weiß nicht, Wachtmeister, vielleicht gehen wir jetzt ein bisschen zu weit", ließ sich Kowalke vernehmen. "Ich meine, das hier ist so ähnlich, als würden wir den Osterhasen verhaften."

Drombusch dachte nur einen Atemzug lang darüber nach. Ein eierlegender Hase? So etwas konnte die Vogelgrippe übertragen und gehörte in Quarantäne.

So kam es, dass im Einzugsbereich des Reviers Tief-Ost Weihnachten ausfiel. Und für Ostern standen die Chancen ebenfalls nicht gut.