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(45) Der Null-Frust-PC
Im Revier Tief-Ost ging es ausnahmsweise einmal friedlich zu. Weihnachten war vorbei und die Beamten litten unter einer gewissen Stollenträgheit. Beim traditionellen Neujahrsblitzen hatte Wachtmeister Drombusch deshalb auf das sperrige Radargerät verzichtet. Polizeianwärter Kowalke musste jeden zweiten Autofahrer an den Fahrbahnrand winken, und Drombusch würfelte die Bußgelder der Einfachheit halber aus.
Seit diesem Einsatz hatte sich im Revier nicht mehr allzu viel getan, nur der Weihnachtsstollen war von Tag zu Tag kürzer geworden. Kowalke nutzte die friedlichen Tage, um sich mit seinem Geschenk zu befassen.
Er hatte von den Kollegen ein T-Shirt bekommen. Darauf stand: Guck nicht so blöd! Der Jungpolizist fand den Spruch ziemlich originell, aber irgendetwas stimmte mit der Schrift nicht, denn man konnte sie nur lesen, wenn man vor dem Spiegel stand. Auch war Kowalke ein wenig enttäuscht, denn er hatte sich eine Einsatzweste mit Kampf- und Irritationsmitteln in den Taschen gewünscht.
Dann musste er das rätselhafte T-Shirt erst einmal zur Seite legen, denn es klingelte, und der Postbote brachte ein verspätetes Weihnachtsgeschenk für POM Schröder. Die Beamten hatten es schon vor langer Zeit im Systemhaus bestellt, konnten es aber erst jetzt bezahlen, denn letzte Woche hatte Drombusch endlich Bodo Kotzlowski zu fassen gekriegt. Kotzlowski war der Halbstarke, der den Kindern an der Schulbushaltestelle immer das Taschengeld abnahm.
Nun also war POM Schröders Geschenk da. Es handelte sich um einen Senioren-PC.
Im Umgang mit normalen Computern hatte der Revier-Oldie Defizite. Er erkannte kaum die Schrift auf dem Monitor, stolperte über das Mauskabel, und wenn er auf die Tastatur einhackte, verfehlte er die Tasten und klemmte sich den Zeigefinger in dem Spalt zwischen zwei Buchstaben ein.
Die Jungs vom Systemhaus lösten das Problem, indem sie den Senioren-PC ohne Tastatur auslieferten. Oben am Monitor befand sich eine Halterung, in die man eine große Lupe einspannen konnte. Die Maus hatte kein Kabel, das zum Fallstrick werden konnte. Das machte es zwar leicht, sie zu verschusseln, doch dreimal pro Stunde meldete sie sich von allein, indem sie wie wild zu vibrieren anfing. Die Rüttelmotoren waren stark genug, um die Maus unter einem halbmeterhohen Aktenberg zu befreien. Stellte man eine Kaffeetasse auf den Aktenstapel und goss Milch hinein, musste man nicht einmal mehr selbst umrühren, nur abwarten.
"Ein geiler Computer", rief Kowalke. "Hat er Single Data RAM oder Double Data RAM?"
Drombusch sah in der Anleitung nach. "Da steht Prosdata-RAM."
Sonst stand in der Anleitung nicht sehr viel, und die Beamten fragten sich, wie man mit dem Senioren-PC umging.
"Vielleicht sollten wir die Bevölkerung um Mithilfe bitten", schlug der Chef vor. Die anderen nickten. Das war eine erprobte Methode in der Polizeiarbeit. Nach einer Straftat bat man die Bevölkerung um Hinweise. Wenn nicht einmal die Bevölkerung etwas wusste, konnte man den Fall zu den Akten legen.
Die Bedienungsanleitung war wirklich mager ausgefallen. Nur ein dünner Beipackzettel aus Recyclingpapier, ungebleicht und auch nahezu unbedruckt. Lediglich ein Werbespruch stand da:
Der Senioren-PC aus Ihrem Systemhaus. Mit der Null-Frust-Garantie.
"Na toll", meinte der Revierleiter. "Sie hätten wenigstens schreiben können, wie man ihn einschaltet."
Ein Einschaltknopf war nirgends zu sehen.
"Lasst mich mal!" Drombusch versuchte es mit einem Trick, mit dem man fast alle Elektrogeräte in Gang setzen konnte: Er schlug mit der flachen Hand aufs Gehäuse.
Es klang hohl.
Kowalke leuchtete mit der Dienst-Taschenlampe durch die Luftschlitze ins Innere.
Nichts. Der Senioren-PC war leer.
Der Revierleiter hängte sich sofort ans Telefon und rief im Systemhaus an.
"Ja, klar", meinte der Mann am kostenpflichtigen Servicetelefon. "Wir lassen alles weg, womit ältere User nicht klarkommen könnten. Brenner, Grafikkarte, Betriebssystem, der ganze Scheiß. Null Frust, ihr versteht?"
Der Chef wollte laut werden, aber Kowalke zupfte ihn sanft am Ärmel. Der Senioren-PC schien seine Wirkung bereits zu entfalten. Zum ersten Mal seit Monaten wirkte POM Schröder im Angesicht eines Computers vollkommen angstfrei.
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