REVIER TIEF-OST

(46) Xbox 360 Grad



Polizeianwärter Kowalke war belobigt worden. Nach drei Jahren Dienst im Revier Tief-Ost hatte er einen Tag frei bekommen, um einen Ausflug ins Nachbarland zu unternehmen. Er hatte eine Palette Mineralwasser für den Chef, eine preiswerte Bleistiftspitzmaschine für POM Schröder und eine Schachtel Karlsbader Oblaten für Wachtmeister Drombusch mitgebracht. Auch für sich selbst hatte er etwas mitgebracht, aber das würde Landarzt Doktor Krätzer erst in ein paar Wochen feststellen.

Die Karlsbader Oblaten waren altbacken und viel zu groß für den dienststelleneigenen Toaster, was hieß, dass Drombusch heute wirklich miese Laune hatte. Er war so übel drauf, dass POM Schröder anbot, den Bleistift des Wachtmeisters anzuspitzen, aber die Maschine brach jedes Mal die Mine ab, und bald stand Drombusch ohne Schreibtechnik da.

Dann kam der Chef aus seinem Büro, in der Hand eine halbleere Flasche Mineralwasser und ein Fernschreiben. Er sagte: "Männer, wir haben ein Problem."

Mit seinem Wasser war überraschenderweise alles in Ordnung, aber auf dem Fernschreiben stand, dass ein neues Produkt aus dem Hause Microsoft nicht in Ordnung sei, was die kleinere Überraschung war.

Es ging um die Spielkonsole Xbox 360. Laut Mitteilung überhitzten einige der Geräte stark. Es waren sogar Fälle spontaner Selbstentzündung vorgekommen, was zu Brand- und Wutausbrüchen in vielen Kinderzimmern geführt hatte. Nun rief Microsoft die Xbox 360 zurück, und Aufgabe der Polizei war es, die ausgelieferten Geräte sicherzustellen, ehe noch mehr Kinder durchdrehten.

Der Chef hielt ein Foto der Konsole hoch. "Habt ihr so etwas schon einmal gesehen?"

POM Schröder erinnerte sich daran, dass die Konsumgüterbrigade des VEB Starkstromanlagenbau an einem solchen Gerät arbeitete, ehe man sie vor 15 Jahren aufgelöst hatte, doch Polizeianwärter Kowalke schlug vor, die Nachforschungen zunächst auf den Jugendklub zu konzentrieren.

Im christlichen Jugendklub Joe Ratzinger lungerten ein halbes Dutzend Jungen um einen alten Computer herum und spielten Diablo I. Sérge, der Klubleiter, sah sich das Fahndungsfoto an und schüttelte den Kopf. "So etwas habe ich bisher nur in Katalogen gesehen. Wir hatten hier früher mal einen Gamecube, aber aus dem haben wir in der Kinderbibelstunde eine Hamster-Arche gebaut. Zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen."

Drombusch fand die Antwort ausweichend. Er glaubte, dass Sérge etwas verschwieg. Hätte er noch einen Bleistift gehabt, hätte er dem Klubleiter vielleicht die Spitze ohne Vorwarnung durch die Hand getrieben. So aber blieb ihm nur ein drohendes Knurren.

Sérge verschluckte sich und würgte hervor: "Fragt Tilo den Sauger."

Der gemeingefährliche Raubkopierer Tilo der Sauger war eine Legende unter Jugendlichen, weil er alles aus dem Internet saugen konnte: Den neuen Tarentino-Film, die neue Williams-CD, das neue Spiel von id-Soft, einfach alles. Es hieß, wenn man ein bisschen an seinen Ehrgeiz appellierte, könne der Sauger sogar einen Film runterladen, der noch gar nicht gedreht war. Angeblich wusste er auch, wie man an ein Best-of-Album von Heino herankam, bloß fragte ihn keiner danach.

Falls es in Tief-Ost jemanden gab, der eine Xbox 360 besaß, dann war das Tilo der Sauger, denn natürlich musste er alles, was er aus dem Netz zog, sofort ausprobieren, und dafür brauchte er die neueste Hardware.

Sie fanden Tilo in seinem Lagerhaus am Ortsrand, das voll gestopft war mit Computertechnik, mit der sich nicht einmal die Jungs vom Systemhaus auskannten. Überall blinkte und surrte etwas, und die Datenleitungen standen dermaßen unter Druck, dass ihnen Beulen wuchsen.

In der Mitte der Halle saß der Sauger vor einem Flachfernseher, dessen Bildschirmdiagonale etwa eine halbe Astronomische Einheit betrug.

Er zockte an seiner Xbox 360. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, nicht weil er das Spiel nicht im Griff hatte, sondern weil die Xbox heiß lief. Ihr Gehäuse strahlte mindestens 360 Grad Celsius ab, was bewies, dass die Kerle bei Microsoft zumindest den Namen ihrer Konsole gut durchdacht hatten.

Einen Moment lang war der Sauger perplex, weil sich die Polizisten nicht auf ihn, sondern auf die Xbox stürzten, aber natürlich wollte er dieses Spitzenprodukt der Heimelektronik nicht kampflos hergeben.

Mit einem Ruck zog er das Controllerkabel straff, und der übereifrige Kowalke segelte durch den Raum. Tilo machte eine Rolle rückwärts, riss einen Funk-Controller an sich und feuerte ihn auf POM Schröders Herzschrittmacher ab. Obwohl die Funkwellen durch Microsoft programmiert waren, richteten sie keinen Schaden an, aber der Revier-Oldie sackte prophylaktisch in sich zusammen.

Kowalke kam hoch und sprang den Sauger von hinten an. Dieser machte einen Buckel, und der Polizeianwärter fiel mit der Backe voran auf die glühend heiße Xbox. Er quiekte ein bisschen, und der Sauger versuchte, ihm den kleinen Finger in der CD-Lade einzuklemmen.

Der Revierleiter, der abseits stand, schüttelte genervt den Kopf und sagte: "Horst, schnapp sie dir!"

Drombusch trat vor, und der Sauger griff sich instinktiv an die Hüfte.

"Achtung, Waffe" grollte der Wachtmeister und feuerte die chemische Keule ab. Er hatte zwischen Tilos Augen gezielt, traf aber etwas zu weit rechts. Der Sauger krümmte sich vor Schmerz und ließ den Gegenstand fallen, der an seinem Gürtel gehangen hatte.

"Geil", krähte Kowalke. "Eine Sony PSP. Scharfes Teil."

"Sag ich doch, eine Waffe", knurrte der Wachtmeister.

Kowalke fragte, ob er den gefährlichen Gegenstand einziehen dürfe. Drombusch nickte großzügig.

Der Polizeianwärter schnappte sich die PSP, der Revierleiter stellte eine Spindel CD-Rohlinge sicher, und der Wachtmeister klemmte sich den gefallenen POM Schröder unter den linken und die Xbox unter den rechten Arm.

Sie war noch immer heiß.

Im Revier experimentierte Drombusch eine Weile mit der CD-Lade. "Ich frage mich, was man dieser Firma eigentlich vorwirft", knurrte er nachdenklich. "Das Ding funktioniert doch prima."

Wenn man die Karlsbader Oblaten ein wenig zurechtschnitt, konnte man sie in der Xbox ziemlich knusprig backen.





In der Zeitungsfassung wurde aus Platzgründen mehr als die Hälfte dieser Geschichte gestrichen, unter anderem fiel der komplette Teil mit dem Jugendklub "Joe Ratzinger" weg, ebenso wie Kowalkes Tschechien-Ausflug samt seinen Mitbringseln für die Kollegen. In der Zeitungsfassung findet Drombusch daher eine Packung alter Oblaten in der Revier-Küche.