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(47) Die Vögel
Im Polizeirevier Tief-Ost hatte die Woche gut angefangen. Am Montag brachten die Jungs vom Systemhaus die neuen Monitore. Die Bildschirme lieferten 640 mal 480 Bildpunkte, konnten Formulare ohne größere Verzerrungen darstellen und von zwei bis drei Männern angehoben werden. Ein echter Fortschritt in der technischen Ausstattung des Reviers.
Am Dienstag kam die Sonne heraus, Frühlingsduft lag über dem Land, und zum ersten Mal seit fünf Monaten öffnete Wachtmeister Drombusch das Revier-Fenster. Die frische Luft machte die Beamten schläfriger als üblich, und als sie erwachten, war die gute Zeit zu Ende.
Ein toter Spatz lag vor Drombuschs Monitor.
Der Wachtmeister konnte nicht erkennen, ob dem Tier der Schnabel lief, aber der Fall schien eindeutig. Er blies in seine Trillerpfeife und gab Alarm. Die Vogelgrippe hatte Tief-Ost erreicht!
Drombusch knurrte enttäuscht. Er hatte immer gehofft, dass es Bayern treffen würde oder Berlin, wo die Politiker, wie man hörte, den Vogelgrippeimpfstoff wie Kristallwodka in sich hineingekippt hatten und in Schutzräumen saßen, die so konstruiert waren, dass sie einer Vogelkotladung aus großer Höhe widerstehen konnten.
Die Instruktionen für solch einen Notfall waren eindeutig. "Ruft Bernd Maulschläger an!", befahl der Revierleiter.
Maulschläger war Tierschützer, aber er wusste auch, wie man sich vor Tieren schützte. Er brachte Schutzanzüge, eine Stickstoffkanone und seine Tochter mit.
Sabrina Maulschläger wurde von allen nur das schreckliche Mädchen genannt. Einmal hatte sie einen Fischadler unter Wasser gedrückt, um herauszufinden, wie lange er tauchen konnte. Sie hatte einen Reiher mit saurem Hering voll gestopft, bis er kotzen musste und einen kranken Bussard als Indianer herausgeputzt, den sie Häuptling gebrochene Schwinge nannte. Als ihr einfiel, dass sie Indianer nicht mochte, hatte sie ihn skalpiert. Ihr Vater hatte das Beste daraus gemacht und den Bussard als jungen Geier an den Tierpark verkauft. Wenn jemand wusste, wie man mit Vögeln fertig wurde, dann diese beiden.
Der Tierschützer wies nach draußen, wo sein Geländewagen stand, an den eine bizarre Maschine gekoppelt war. Sie hatte oben einen riesigen Trichter, in der Mitte ein Fließband und unten einen Wasserbottich, der unter Starkstrom stand.
"Das sieht unmenschlich aus", wandte Polizeianwärter Kowalke ein.
"Ja, klar", meinte Bernd Maulschläger. "Die Maschine wurde ja auch für Vögel konstruiert."
Sie fuhren los. Wo immer ein Vogel saß, scheuchte ihn Sabrina Maulschläger hoch und ihr Vater schoss ihn mit der Stickstoffkanone ab. Aufgabe der Beamten war es, dafür zu sorgen, dass die flugunfähigen Tiere im Trichter landeten. Den Rest besorgte die Maschine. Es stank ziemlich gemein, und Kowalke tröstete sich damit, dass die grippekranken Vögel nichts riechen konnten.
"Buh! Buhuu!" rief Sabrina Maulschläger. Einmal erschreckte sie POM Schröder so sehr, dass er vor die Kanone taumelte und demobilisiert wurde. Das machte aber nichts, denn Sabrina gab ihn einen Schubs, und er fiel in den Wasserbottich, wo ihn der Starkstrom rasch wieder auftaute.
Der Chef schickte POM Schröder zurück ins Revier, wo er sich trocken reiben und seine Haare kämmen sollte. Danach sollte er ein bisschen Schreibkram erledigen, um wieder warm zu werden.
Die anderen setzten ihren Hygiene-Feldzug fort. Am Dorfweiher widersetzte sich eine Entenfamilie der Gefangennahme, indem sie in die Mitte des Teiches schwamm. Bernd Maulschläger richtete die Stickstoffkanone aufs Wasser. Dann schickten sie Kowalke mit einer Notfallaxt übers Eis, um die Enten frei zu hacken.
Sabrina Maulschläger jubelte, die Maschine brummte, und am Nachmittag gab es in Tief-Ost keine Vögel mehr, die unter Grippeverdacht standen. Allerdings auch keine, die nicht unter Verdacht standen.
Nun blieb nur noch die Geflügelfarm von Bauer Gottwald.
Der Bauer stand mit einer Mistgabel am Tor, um seine Hühner zu verteidigen, aber als er das schreckliche Mädchen sah, ergriff er die Flucht. Drombusch drang in den Stall ein. Er hatte auf Hühner dieselbe Wirkung wie auf vietnamesische Marlborodealer. Alles flatterte wild kreischend durcheinander. Die Luft hing voller Federn.
"Vorsicht, die übertragen das Virus!" warnte Bernd Maulschläger. Alle pusteten hektisch, um nicht von einer schwebenden Feder getroffen zu werden, doch als Kowalke nach Luft schnappte, bekam er einen Schwall Daunen in den Mund.
"Das war's", meinte Bernd Mauschläger fatalistisch.
Drombusch zog mit bedauerndem Blick die Dienstwaffe.
In diesem Augenblick knisterte sein Funkgerät. POM Schröder meldete sich aus dem Revier. Er hatte einen Anruf aus dem Systemhaus bekommen. "Die wollen die neuen Monitore wieder abholen."
Warum, das hatte der Revier-Oldie nicht genau verstanden. Der Techniker hatte etwas von einem Labortest und Übererfüllung der Strahlungsnorm gemurmelt. "Er sagt, die Ratten gedeihen prächtig, aber der Kanarienvogel des Geschäftsführers sei von der Stange gekippt."
Deutschland im Vogelgrippefieber - oder sollte man sagen im Vogelgrippewahn? Die Gefahr durch das Virus war in allen Medien, in aller Munde und will scheinbar nicht so schnell wieder aus den Köpfen der Leute heraus, es sei denn, die Wissenschaft entdeckt bald die Hundepocken. Klar, dass sich auch das Revier Tief-Ost der allgemeinen Hysterie nicht entziehen konnte.
Wer Bernd Maulschlägers Tötungsmaschine für die Ausgeburt einer grippalen Autorenphantasie hält, sei beruhigt: Es gibt diese Maschine wirklich. Der Freistaat Bayern hat 60.000 Euro für ein Gerät zur effektiven Tötung großer Vogelbestände ausgegeben: Hühner werden mit den Beinen in Gestelle gehängt, die an einer umlaufenden Kette befestigt sind. Die nach unten baumelnden Köpfe werden durch ein Wasserbad gezogen, das unter Strom steht. 15 Mann und eine normale Steckdose reichen, um das todbringende Instrument zu betreiben: Zehn Leute fangen die Tiere, vier hängen sie in die Halterungen und einer kontrolliert alles.
Das ist kein Witz.
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