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(49) Viewegs Chip
Als Polizeianwärter Kowalke an diesem Tag ins Objekt trat, standen ihm die Haare vom Kopf ab. Seine Dienstmütze schwebte wie ein Heiligenschein fünf Zentimeter über seinem Haupt. Seine Zahnärztin hatte ihm empfohlen, sich die Zähne elektrisch zu putzen, und Kowalke hatte gehorcht, obwohl es schrecklich umständlich war, sich jeden Morgen zwei Drähte, die an einer Autobatterie hingen, um die Backenzähne zu wickeln. Aber man wurde dabei gut durchgerüttelt, sodass einem sämtliche Speisereste aus dem Gesicht fielen.
Nach einer Woche elektrischen Zähneputzens war Kowalke ein bisschen durch den Wind. Doch das traf auf die gesamte Besatzung des Reviers Tief-Ost zu. POM Schröder litt schon seit Oktober unter Frühjahrsmüdigkeit, und Wachtmeister Drombusch klagte über Schmerzen im Schulter- und Ellenbogengelenk seines rechten Arms.
Landarzt Doktor Krätzer nannte das einen Mausarm. Die Diagnose besagte, dass der exzessive Gebrauch der Computermaus zu Zerrungen führte. Das konnte hinkommen. Früher hatte Drombusch ähnliche Beschwerden nach jedem Gummiknüppeleinsatz verspürt. Heutzutage konnte er Raser und Falschparker nur noch zur Verantwortung ziehen, indem er sich durch die endlosen Menüs der Ordnungswidrigkeitssoftware klickte.
Auch der Revierleiter war schwer angenervt. Er mochte es, im Winter beim Eisangeln am Baggersee zu entspannen, doch durch den langen, strengen Frost war das Loch jeden Morgen zugefroren, und von Entspannung konnte keine Rede sein. Deshalb hatte der Chef nichts dagegen, als Lutz Vieweg seinen Besuch ankündigte.
Vieweg war der Gesundheits-Guru von Tief-Ost. Ein Experte für die ganzheitliche Betrachtung von Problemen. Er arbeitete als Baubiologe, Handaufleger und Aurenleser, schrieb Rohkost-Rezepte und verkaufte kostenlose Gesundheits-Checks für 9,95 Euro das Stück, was deutlich unter der vierteljährlichen Praxisgebühr der Schulmediziner lag.
"Alles neu macht der Mai", rief Vieweg, als er ins Revier polterte. "Frühjahrsputz mit Lutz." Manche Leute behaupteten, seine gute Laune sei ansteckend, aber das war Rinderwahn auch, weshalb Drombusch den Guru nicht ausstehen konnte.
Als erstes verteilte Vieweg kegelförmige Hohlkörperamulette, die aus entmagnetisiertem Blei bestanden und jeweils 50 Milliliter linksdrehenden Bio-Joghurt enthielten. "Damit polen wir mittelfristig euer körpereigenes Energiefeld neu", erläuterte der Guru.
Drombusch kippte seinen Joghurt heimlich ins Dienstklo, weil er keine Lust hatte, ein linker Spinner zu werden. Auch der Revierleiter war nicht hundertprozentig von der Joghurt-Kur überzeugt. "Lutz, ich glaube, kurzfristig gesehen haben wir andere Sorgen."
"Meine Mama sagt, das hängt mit dem Computer zusammen", platzte Kowalke heraus. Er zeigte den Hornballen an seiner rechten Hand vor, der davon kam, dass er sieben Stunden am Tag die Maus über den Schreibtisch spazieren schob. Die anderen Polizisten wiesen ähnliche Symptome auf. Drombusch hatte die Hornhaut vom Strafzettel tippen an beiden Zeigefingern. POM Schröder, der Revier-Oldie, hatte eine Verhornung an der Stirn.
"Eindeutig Stress-Symptome", erklärte Vieweg. "Wusstest ihr, dass 95 Prozent der modernen Zivilisationskrankheiten auf Stress zurückzuführen sind?"
"Früher hast du behauptet, es liegt am Vitaminmangel", knurrte Drombusch gelangweilt.
"Das ist richtig. Aber die Wissenschaft entwickelt sich weiter. Wir haben herausgefunden, dass Vitaminmangel stressbedingt ist. Weil man vor lauter Arbeit nicht dazu kommt, Apfelsinen zu essen. So, und nun lasst mich mal eruieren, was wir gegen euren Stress unternehmen."
Lutz Vieweg dachte angestrengt nach.
"Oh nein, nicht schon wieder Aromatherapie", stöhnten die Beamten. Beim letzten Mal hatten sie sich wochenlang von Knoblauchzehen ernähren müssen. Es war furchtbar gewesen. Obwohl sie zugeben mussten, dass der Stress tatsächlich nachgelassen hatte, weil niemand mehr ins Revier kam.
"Aromatherapie ist von gestern. Wusstet ihr, dass die Gebrechen des modernen Körpers zu 96 Prozent durch Elektrosmog hervorgerufen werden?"
"Ich dachte durch Stress", versetzte Drombusch.
"Stress ist eine Folge von Elektrosmog. Und das beste Mittel gegen Elektrosmog ist mein neu entwickelter Health-Chip!"
Der Chip hatte die Größe einer Karlsbader Oblate und bestand aus einer Eisen-Nickel-Legierung mit Kobaltkern. "Er lässt alle elektrischen Felder in eurer Umgebung kollabieren. Dadurch kann euch die Strahlung nichts mehr anhaben."
Der Guru hängte jedem Polizisten einen Chip um den Hals. Sofort begann POM Schröder epileptisch zu zucken. Qualm zischte ihm aus der Nase. Aus dem Mund roch der Revier-Oldie nach geschmorter Leiterplatte.
Vieweg blinzelte verstört. "Du hättest mir sagen müssen, dass du einen Herzschrittmacher trägst."
Polizeianwärter Kowalke blickte inzwischen verdattert auf einen schwarzen Fleck, der sich auf seiner Brusttasche ausbreitete.
"Handys schmelzen natürlich auch", sagte Vieweg. "Aber das ist kein Verlust. Mobilfunk macht krank."
Der Gesundheits-Guru musste einräumen, dass der Health-Chip ein paar Nebenwirkungen hatte. "Ihr werdet trotzdem zufrieden sein", prophezeite er. "Alle die ihn benutzen, haben keinerlei Stress mit ihren Computern mehr."
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