REVIER TIEF-OST

(51) Endspiel Over



Am Nachmittag vor dem Endspiel kam Rudi, der Rollstuhlfahrer, zum Revier Tief-Ost. Drombusch wollte so tun, als sei niemand im Dienst, aber in diesem Moment erschien Polizeianwärter Kowalke mit zwei Dederonbeuteln Pils und den Kartoffelchips, und Rudi rollte hinter ihm ins Objekt. "Wir haben einen Marder", verkündete er. "Das Endspiel ist in Gefahr."

"Frankreich gegen Italien?" brummte Drombusch.

"Nein, Polen gegen Trinidad und Tobago."

"Was soll das denn für ein Spiel sein?"

"Genau", warf Kowalke ein. "Zwei gegen einen ist doch feige."

Die Beamten erfuhren, dass in der Seniorenresidenz Villa Grottenolm eine eigene Fußballweltmeisterschaft ablief. Rudi hatte ein Computernetzwerk installieren lassen, und nun zockten die alten Herren Fifa 2006.

"Weniger Leerlauf im Spiel", schwärmte Rudi, "Seniorenfreundliche Anstoßzeiten. Den Schiedsrichter kann man auf blind stellen." Außerdem befolgten die virtuellen Kicker immer die Anweisungen des Mannes vor dem Bildschirm, was der entscheidende Vorteil im Vergleich zu echtem Fußball war. Nur die Kommentatoren laberten denselben Schwachsinn wie im richtigen Leben.

Doch der heile Fußballtraum drohte zu platzen als der Marder auftauchte. Er fraß Netzwerkkabel wie Ronaldo Kraftriegel und hatte einen Spielabbruch im Halbfinale Polen gegen Brasilien erzwungen. Die Polen waren nur weitergekommen, weil sie durch Rudis vorbildlichen Einsatz am Gamepad bereits 17:0 führten.

Die Senioren hatten versucht, den Marder einzufangen, lieferten dabei aber eine pomadige Vorstellung. Im Internet war Rudi als der gewiefte Hacker Silver Surfer bekannt, aber gegen den Marder war er mit seinem Java am Ende. "Fangt dieses Biest, dann habt ihr bei mir etwas gut", versprach er. "Wenn ihr wollt, schicke ich Osama bin Laden einen Wurm per Email."

Der Revierleiter winkte ab. "Lass mal Rudi. Ich glaube, die Amis versuchen gerade, den Kerl auszuhungern." Dann dachte er nach. "Mmh, gleich geht das Endspiel los. In Anbetracht dessen kann ich bloß drei Leute abkommandieren. Aber es sind meine besten."

So kam es, dass Drombusch, Kowalke und POM Schröder pünktlich zum Anpfiff das Seniorenheim betraten. Kowalke klopfte die Wände ab, aber erst als Drombusch einen Rammbock vom SEK zu Hilfe nahm, sprang der Marder hervor.

"Zugriff!" brüllte der Wachtmeister, aber POM Schröder wurde von dem Nagetier elegant umdribbelt. Es sah aus, als hätte jemand Ronaldinho auf Sepp Blatter losgelassen. Drombusch versuchte erst gar nicht, dem Marder nachzusetzen, denn er hatte David Odonkor im Laufduell gegen halb Argentinien gesehen.

Stattdessen griff er sich ein Kabel, das für die Reparatur des Netzwerks bereitlag. Es würde einen wohlschmeckenden Köder abgeben. Drombusch band das Kabel an den Rammbock, den er seinerseits über die Deckenlampe hängte.

"Was soll das werden?" erkundigte sich Kowalke neugierig.

"Taktisches Foul", brummte der Wachtmeister. Er befahl seinen Kollegen, den Marder zum Kabel zu treiben, indem sie die Räume eng machten. Doch noch während sich die Beamten mühten, eine halbwegs respektable Dreierkette zu bilden, erschien Justus Bärloch, der Direktor des Seniorenheimes, um nachzusehen, wer den unerhörten Lärm veranstaltete. Er fürchtete, eine Horde gewaltbereiter Fußballfreunde aus England vorzufinden, sah aber nur das straff gespannte Netzwerkkabel mitten im Gang. Kopfschüttelnd streckte er die Hand aus, das Kabel gab nach und Justus Bärloch wurde von seinen Pflichten als Heimleiter entbunden.

"Was ist denn mit dem los?" wunderte sich Kowalke, als er den rechteckigen Abdruck des Rammbocks auf der Stirn des Direktors sah.

"Sieht aus als hätte ihm jemand eine rote Karte verpasst", knurrte Drombusch.

Im Fernsehen war Halbzeit, und noch immer lief der Marder frei herum.

"Wenn ihr so weitermacht, könnt ihr eure Kartoffelchips vergessen", spottete Rudi.

Plötzlich erschien der Marder, tunnelte Drombusch und schlüpfte höhnisch quiekend durch eine Abwehrlücke ins nächste Zimmer. Drinnen lag Fredo Kopfler, ein Hirnschlagpatient, in seinem Pflegebett.

Drombusch verfolgte den Nager ums Bett, aber das Biest hielt immer eine Dekubitusmatratzenlänge Abstand. Dann saß es auf dem Kopfteil des Bettes. Wild entschlossen drosch der Wachtmeister auf das Fußende ein. Die Hebemechanik klinkte aus, und das Viech wurde wie von einer Wurfmaschine durchs Zimmer geschleudert.

Kowalke machte sich länger als Jens Lehmann, aber der Marder zischte zwischen seinen ausgestreckten Armen hindurch.

"Du Fliegenfänger", grollte Drombusch.

Kowalke blinzelte irritiert, denn immerhin hatte er Fredo Kopfler aufgefangen.

Der Marder schlug in der Öffnung des Speisenaufzuges ein wie ein direkter Freistoß im Torwinkel. Er rutschte senkrecht nach unten und verschwand fauchend im Schacht.

"Den Patienten sichern", befahl Drombusch und eilte mit Kowalke zur Küche. POM Schröder fing an, eine Kreidelinie rings um Justus Kopfler zu ziehen.

Inzwischen tobte der Marder durch die Heimküche wie ein brasilianischer Kreisel durch die hüftsteife englische Abwehr. Töpfe schepperten, Gläser klirrten, Teller machten das Geräusch ausgemusterten Porzellans. Drombusch blickte sich nach einer Waffe um und bekam einen Eierschneider zu fassen.

Dann sprang der Marder den überraschten Kowalke aus einem Kartoffelbreikessel an. Der Polizeianwärter fiel erschrocken hintenüber und erwischte das Biest dabei mit einem glücklichen Fallrückzieher.

Der Marder wurde in Drombuschs Richtung katapultiert. Der Wachtmeister hob schützend den Eierschneider und …

Mit dem Abpfiff standen die Beamten wieder vor Rudi. Sie hatten ihr Endspiel verpasst, aber die Weltmeisterschaft im Seniorenheim konnte weitergehen.

"Was ist mit dem Marder?" erkundigte sich Rudi.

Drombusch deutete zur Küche. "Geh mal da rein. Du wolltest doch sowieso ein paar Chips."