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(52) Das Hightech-Fiasko
Im Polizeirevier Tief-Ost herrschte die fünfte Jahreszeit, das Sommerloch. Man nannte es so, weil der Revierleiter mit seiner Angel am Baggersee saß und Löcher ins Wasser starrte. Polizeiobermeister Dieter Schröder war in seinem Garten über ein Malwurfsloch gestolpert. Noch im Fallen hatte er einen Krankenschein genommen. Nun saßen Wachtmeister Drombusch und Polizeianwärter Kowalke allein im Revier und versuchten, das Loch im Dienstplan zu stopfen.
Zum Glück gab es nicht viel zu tun. Gestern war der Lieferwagen von Essen auf Rädern in ein Baustellenloch gefallen, das Arbeiter hinterlassen hatten, deren Firma mitten in der Saison Pleite gegangen war. Aber der Essenfahrer war selber schuld, denn bewusste Saison lag Jahre zurück, und jeder wusste, dass das Loch da war.
Um zumindest irgendetwas zu unternehmen, überprüfte Drombusch, ob man die Baustelle nicht ordnungsgemäß gesichert hatte, aber da war nichts zu holen. Es waren Sperrbaken da gewesen. Dass diese im Laufe der Zeit verwitterten, zerfielen und als Disteln wiedergeboren wurden, lag in der Natur der Dinge.
Jetzt saßen die Beamten im Revier und warteten darauf, dass sich die Insassen der Seniorenresidenz Villa Grottenolm beschwerten, weil sie ein Loch im Magen hatten, seitdem der Essentransporter in der Baugrube lag. Aber Drombusch hatte nun einmal beschlossen, dass der Wagen dort bleiben musste, um die Gefahrenstelle zu entschärfen.
Statt hungriger Rentner kam ein Anruf vom Chef des Systemhauses. Letzte Nacht war bei ihm eingebrochen worden. Drombusch nickte. Er hatte sich so etwas gedacht. Computerkriminelle waren die einzige Straftätergruppe, die kein Sommerloch kannte. Abgesehen vielleicht von Exhibitionisten, die im Sommer hyperaktiv waren, dafür aber ins Winterloch fielen, weil sie anfällig für Gefrierbrand waren. Computerfreaks hingegen hockten bei jedem Wetter vor ihrer Kiste. Sie waren extrem gefährlich.
Im Systemhaus wartete ein blasser Techniker auf sie, der in seinem Leben schon so viel Neonlicht abbekommen hatte, dass seine Haut aussah wie das alte Kerzenwachs der Notlichter im Revier.
"Der Chef sagt, ich soll Ihnen alles zeigen. Die Einbrecher haben ein Loch in die Rückwand unseres Lagers gehackt."
Drombusch grunzte. "Habt ihr denn kein Zutrittsverweigerungssystem?"
"Sie meinen, eine Alarmanlage?"
"Nein, Landminen."
"Ich dachte, die sind illegal."
Der Wachtmeister hob die Schultern. "Es hat sich noch kein Einbrecher beschwert." Dann wendete er sich dem Fall zu. "Die Kerle, die bei euch eingebrochen sind, waren vermutlich Hightech-Schieber. In Polen rüsten derzeit alle ihre PCs auf."
Sie mussten sich einen Weg durchs Hardwarelager des Systemhauses bahnen, um zum Tatort zu gelangen. Drombusch fühlte sich wie auf einem Kontrollgang durch die Area 51, wo die Amis außerirdische Untertassen, faschistische Mondraketen und das Anderthalbliterauto versteckt hielten. Die neue Xbox kam auch von da, behauptete Ralf Spinowski, der örtliche Verschwörungstheoretiker. Sie sei nur deshalb so laut, weil sie von der Nazirakete angetrieben werde.
Kowalke zupfte den Wachtmeister am Ärmel und wies auf ein Regal, in dem eine chromglänzende Platine mit goldenen Schaltkreisen und einem Lüfter von der Größe eines Hubschrauberrotors lag. In ihren Kondensatoren hätte man bequem die Silagejahresproduktion der LPG Weidefrieden vergären können.
Der Techniker bemerkte ihr Interesse. "Das ist unsere neueste Grafikkarte, eine Eigenentwicklung. Sie ist ihrer Zeit weit voraus. Der Chef sagt, es vergehen noch hundert Jahre, bis sich der durchschnittliche Haushalt einen Heimcomputer zu leisten vermag, in den wir dieses Baby einbauen können."
Drombusch verstand, was er meinte. Der durchschnittliche Haushalt würde sein Schlafzimmer opfern müssen, um ein Rechnergehäuse von der erforderlichen Größe aufzustellen.
Kowalke entdeckte die Festplatte, die zu dem Supercomputer der Zukunft zu gehören schien. Ihr Gehäuse war offen, und der Polizeianwärter konnte direkt auf die Speicherscheibe blicken.
"Krasses Teil", entfuhr es ihm. "Das ist ja so groß wie ein Schleifstein!"
Der Techniker nickte. "Es ist ein Schleifstein. Da passen mindestens 198 Megaterrahyperbyte Daten drauf - falls wir je herausfinden, wie man ihn beschreiben kann."
"Das ist schade", meinte Kowalke. "Wenn die Polizei nicht so knapp bei Kasse wäre, könnten wir euch einen Filzstift aus dem Revier überlassen."
Im nächsten Regal sah Drombusch einen Karton mit Mobiltelefonen. Sie waren aus Bakelit und hatten Tasten, die so groß waren, dass Grobmotoriker keine Probleme haben würden. Ihre Ausziehantennen erinnerten an die Teleskop-Angelrute des Revierleiters.
"Die besten Handys wo gibt", schwärmte der Techniker. "Mit Dauerstummschaltung und doppeltem Memory-Effekt. Auch eine Eigenentwicklung."
"Versteht sich", brummte Drombusch. Er hörte ein Rascheln, fuhr herum und erhaschte einen Blick auf das Hinterteil eines fetten Nagetiers, das in einem Rechnergehäuse verschwand.
"Das ist bloß unsere Computermaus", sagte der Techniker. "Aber da sind wir schon."
Sie hatten den Tatort erreicht. Beim Aufbrechen der Wand war eine Menge Mörtelstaub auf den Boden gefallen, in dem sich deutlich Spuren abzeichneten. Die Hightech-Schieber waren durch das Loch geklettert, hatten sich orientiert und waren dann lachend zu Boden gesunken. Auf dem Boden stand ein handelsüblicher Aldi-PC.
"Den wollten sie klauen?" fragte Drombusch.
Der Techniker schüttelte den Kopf. "Es wurde nichts gestohlen. Den PC haben sie hier reingeschleppt. Außerdem haben sie uns beleidigt." Er wies auf einen Klebezettel am Rechner.
Drombusch hob eine Braue. Dieser Fall war wirklich seltsam.
Auf dem Zettel stand: Ihr seid ein paar ganz arme Schweine.
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