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(53) Stampede!
In der Region Tief-Ost war die Welt durcheinander. Obwohl die Meteorologen an der Theorie von der globalen Erwärmung festhielten, war es schon seit Wochen zu kalt für die Jahreszeit. Das Wetter war fast so beschissen wie im berüchtigten Erzgebirge, und Ralf Spinowski, der örtliche Verschwörungstheoretiker, behauptete, die Rückkehr der Mammuts stünde kurz bevor.
"Das ist wahr", pflichtete ihm Polizeianwärter Kowalke bei. "Im Kino haben sie letztens eins gezeigt. Auch ein Riesenfaultier war dabei, ein Tiger mit Überbiss und ein Eichhörnchen mit Glubschaugen wie unser Bürgermeister."
Auch aus dem Tierpark der Kreisstadt kamen beunruhigende Neuigkeiten. Lamas spuckten Besucher an, Affen masturbierten, wenn kleine Mädchen mit geflochtenen Zöpfen vorbeigingen, ein Pfau hatte ein Rad geschlagen und sich dabei den Hals gebrochen. Spinowski erklärte, das irre Wetter sei Schuld. Es fordere einen Aufstand der Tiere geradezu heraus.
Er hatte den Tierparkleiter überzeugt, dass es jetzt darauf ankam, den Überblick zu behalten. Das ließ sich am besten bewerkstelligen, indem man den Tieren Transponder einpflanzte, die ihr Signal an einen Computer sendeten. Wenn die Blips auf dem Monitor komische Muster bildeten, war das ein Hinweis auf eine konspirative Zusammenrottung oder eine bevorstehende Stampede.
"Stampede klingt voll cool", fand Polizeianwärter Kowalke. Die Beamten vom Revier Tief-Ost hatten die Aufgabe, die Chips an den Mann, beziehungsweise den Bullen, den Bock, den Eber und so weiter zu bringen, was sich ungefähr so schwierig anhörte, wie es war.
Kowalke war mit einem großen Kescher ausgerüstet, Drombusch hatte eine Luftpistole, und POM Schröder schleppte die Tasche mit den Transpondern. Der alte Kollege maulte in einem fort. Der Revierleiter lief mit einem Parkplan vorneweg und entschied, welches Tier sie sich als nächstes vorköpften.
Das Stachelschwein, erklärte er, sah gefährlich aus, womit er nicht Unrecht hatte. Als Drombusch den Transponder abschoss, schoss das Schwein zurück. Der Wachtmeister verfehlte das Ziel knapp, denn das Schwein war klein. Das Schwein aber traf mit zehn von zwölf Borsten ins Ziel, denn der massige Wachtmeister war schwer zu verfehlen.
"Total krass", meinte Kowalke. "Das Schwein geht ab wie eine Pumpgun!" Er steckte sich einen Kaugummi in den Mund und kam sich vor wie Sonny Crockett im Kampf gegen den Drogenbaron.
Im Wisent-Gehege ließ er eine Blase platzen, was die nervösen Tiere übel nahmen.
"Stampede!" brüllte Drombusch warnend, und Kowalke fand das Wort nun nicht mehr cool. Er verlor seinen Kescher, seine Uniformmütze und zirka 50 Prozent seiner Lebensenergie.
"Ich glaube, die Paviane können wir auslassen", schnaufte der Revierleiter. "Die sehen so aus als würden sie lieber auf ihrem Arsch sitzen bleiben als eine Revolution gegen die Menschheit anzuzetteln."
Dann bemerkten sie, dass POM Schröder fehlte. Der alte Kollege war wie vom Erdboden verschluckt - oder von Bruno dem Braunbär, respektive von Arco, Luca, Finn, Blue, Whitie, Rex, Mona und Bärbel, dem Wolfsrudel.
Der Tierparkchef und Ralf Spinowski kamen aufgeregt herbeigelaufen. Sie hatten den tragbaren Monitor dabei. "Da geht etwas Seltsames vor."
20 Blips bewegten sich im Schneckentempo über den Bildschirm. 20 Blips - das entsprach ziemlich genau der Menge an Transpondern, die POM Schröder noch in seiner Tasche hatte. "Das Signal kommt aus dem Schildkrötengarten", sagte der Tierparkleiter.
Sie hörten POM Schröder schon von weitem krächzen: "Stampede!" Er war am Ende seiner Kräfte und wurde von einer Riesenschnappschildkröte verfolgt, die furchtbar sauer war, weil er versucht hatte, ihr einen Funkchip von hinten unter den Panzer zu schieben.
"Mein Gott", meinte der Revierleiter, "Ralf hat Recht, die Welt ist durcheinander." Er hatte den alten Beamten noch nie so ausdauernd laufen sehen.
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