REVIER TIEF-OST

(54) Blitzkrieg VI



Wachtmeister Drombusch saß im Revier Tief-Ost und hörte den Geräuschen aus dem Computer zu.

Pling, Pling, Pling!

Der Klang des Geldes.

Des Bußgeldes, um genau zu sein, denn die Jungs vom Systemhaus hatten die neue Blitzanlage am Ortseingang mit dem Revierrechner gekoppelt.

Der neue Blitzer war ein Wunder der Technik: vollautomatisch, vollstationär und voll gemein. Er saß in einem Astloch, hatte die Form eines Spechtes (eines Rotspechtes um genau zu sein) und sendete seine Daten direkt an den Computer im Revier, für den Drombusch jetzt auch noch eine neue Surround-Anlage beantragt hatte.

Pling, Pling, Pling!

Der Blitzer ging los, wenn sich ein Autofahrer der erlaubten Geschwindigkeit bis auf fünf Stundenkilometer näherte, was Drombuschs Grundsatz entsprach, dass man den Anfängen wehren sollte und dass Blitzen Krieg war.

Die Jungs vom Systemhaus hatten einen Online-Bußgeldzähler installiert, der die Geräusche in Echtzeit generierte. Es handelte sich um einen Countdown, den sie mit einem raffinierten Programmiertrick dazu gebracht hatten, rückwärts zu laufen, sodass er vorwärts zählte.

Der Rechner machte Pling und der Dienst war schön, bis Bernd Maulschläger ins Revier polterte.

Maulschläger war der Naturschützer von Tief-Ost, ein massiger Mann mit einem Sechstagebart und Kraftbändern aus Schneeleopardenfell um die haarigen Handgelenke. "Das muss aufhören!", dröhnte er. "Dieses Rumgeblitze blendet bei Nacht unsere Waldeule und bringt sie zum Abstürzen."

Drombusch erfuhr, dass sich die Blitzanlage genau in der Einflugschneise eines Tiers mit dem lateinischen Namen Strix aluco befand. Zufällig war das auch Bernd Maulschlägers Einflugschneise, wenn er von nächtlichen Naturbeobachtungen kommend nach Hause düste.

"Ich weiß, Bernd, ich weiß", grinste Drombusch und kramte einen Stapel Blitzfotos aus der Schublade, die Maulschlägers schlammbespitzten Landrover zeigten. "Aber Gesetz ist nun mal Gesetz."

Der Tierschützer ballte die Fäuste und erklärte dem Revier den Krieg.

Er schrieb eine Eingabe an den Stadtrat, hatte aber Pech, weil die Gemeinderäte für ein Wesen namens Strix aluco kein Faible entwickeln konnten. Im Gegenteil, Bürgermeister Wortmann fand, dass die Überfremdung der Region schon beängstigend weit fortgeschritten sei, und wenn die neue Blitzanlage da gegensteuern konnte - umso besser.

Maulschläger schaltete die Untere Naturschutzbehörde ein, wo man wusste, wer Strix aluco war, doch Drombusch, der sich kundig gemacht hatte, argumentierte, dass die Blitzanlage ein wirksames Instrument im Kampf gegen die Raser sei, die am Ortseingang, wie jeder wusste, sämtliche Feuersalamander platt fuhren.

Die Obere Naturschutzbehörde versprach dem Tierschützer, in einen Abwägungsprozess einzutreten, doch dieser fiel klar zugunsten der Bußgeldeinnahmen aus.

"Wie ich schon sagte, Bernd, die Straßenverkehrsordnung ist nun mal die Straßenverkehrsordnung", erklärte Drombusch süffisant.

Dann raste eines Nachts eine geblendete Eule in das Astloch, in dem der Blitzer von der Form eines Rotspechts saß.

Als Drombusch am nächsten Morgen hinaufkletterte, um Blut und Federn von der Linse zu wischen, trat Bernd Maulschläger mit einer Digitalkamera hinterm Baum hervor. Die Kamera rasselte wie eine israelische Maschinenpistole.

Die Fotos zeigten Drombusch mit der Hand im Astloch, in dem ein Rotspecht mit zermanschtem Auge saß.

Nach einem kurzen Disput einigten sich die Kontrahenten auf die gegenseitige Herausgabe ihrer Beweisfotos. Drombusch gab nicht gerne nach, aber das Gesetz zum Schutz und zur Hege wild lebender Tier- und Pflanzenarten war nun mal das Gesetz zum Schutz und zur Hege wild lebender Tier- und Pflanzenarten.