REVIER TIEF-OST

(55) Ruf doch mal an!



Der christliche Jugendklub Martin Luther stand unter Belagerung. Der Klub war erst vorige Woche auf diesen Namen getauft worden, und der Name war es auch, der die Glatzen Ost aus ihrem Schlupfwinkel hinter der Kaufhalle hervorgelockt hatte.

Die Glatzen Ost waren die regionale Neonazi-Gruppierung. Sie hatten eine Stinkwut im Bauch, Baseballkeulen aus Flugzeugaluminium und zerbrechliche Flaschen mit leicht entzündlicher Flüssigkeit darin.

"Keinen Meter für den Neger!" skandierte Bodo Kotzlowski, der Anführer der Glatzen. Er nannte sich offiziell Sauleiter, weil er am liebsten die Sau rausließ. Natürlich hatte er keinen Dunst, was das Wort über seine Truppe aussagte.

"Wir haben hier keine afrikanischen Mitmenschen", jammerte Sérge, der Klubleiter. Er spähte vorsichtig durchs Schlüsselloch nach draußen.

"Martin Luther war ein Neger", brüllte Kotzlowski zurück, und Sérge bekam etwas Spucke ins linke Auge.

"Du meinst Martin Luther King."

"Frechheit, der King war ein stämmiger weißer Rockmusiker. Nicht so ein Klepper, der um brennende Mülltonnen herumtanzt."

Kotzlowski bezog sich wohl auf Rapper, aber Sérge fand, dass die Zeit Diskutierens vorbei war. Jetzt war die Zeit des Polizeianrufens. Er wählte die Nummer des Reviers Tief-Ost. Statt des ungehaltenen Brummens des dicken Wachtmeisters ertönte diesmal eine enthusiastische Frauenstimme:

"Herzlich willkommen bei der automatischen Anzeigenaufnahme im Revier Tief-Ost! Um Ihren Notruf bearbeiten zu können, benötigen wir zunächst einige Angaben von ihnen."

Aha, der neue Telefoncomputer. Sérge hatte darüber in der Heimatzeitung gelesen. Das System sorgte dafür, dass die Polizisten effizienter eingesetzt wurden. Es schloss Missverständnisse und Redundanzen, wie sie zwischen telefonierenden Menschen häufig vorkommen, nahezu aus.

"Von wo aus rufen Sie an?" fragte der Computer.

"Aus Tief-Ost", antwortete Sérge.

"In welcher Region liegt das?"

"Na, in Tief-Ost."

Draußen bearbeiteten die Glatzen Sérges Fahrrad mit ihren Baseballschlägern.

Es klackte dreimal in der Leitung. Der Computer stellte zu einer neuen Stimme durch. Ebenfalls weiblich, mit einem Hauch aufrichtiger Anteilnahme: "Zurzeit sind alle Beamten in Vernehmungsgesprächen. Sie können Ihren Notruf aber auch über das Internet eingeben. Unsere Internetadresse lautet: www.revier-tief-ost.de Slash … hier müssen Sie die Art des Notfalles angeben, also beispielsweise Slash-Einbruch oder Slash-Hinter-mir-rennt-einer-her. "

Der Leiter des christlichen Jugendklubs stieß einen unchristlichen Fluch aus, der die Klubmitglieder mindestens ebenso verunsicherte wie die Glatzen vor der Tür, die gerade die Mülltonne in Brand steckten und verlangten, Sérge solle rauskommen und ihnen etwas vortanzen.

Sérge drückte den Telefonhörer einem der Jungen in die Hand und hetzte zu seinem PC. Er tippte: www.revier-tief-ost.de/überfall.

Augenblicklich erschien eine Meldung auf dem Bildschirm: "Die Seite kann nicht angezeigt werden. Möglicherweise sind technische Schwierigkeiten aufgetreten oder Sie sollten die Browsereinstellungen überprüfen."

"Ich glaube, du musst Überfall mit Ue schreiben", flüsterte ein ängstliches Mädchen. "U-e-berfall. Das ist das Internet, weiß du."

Draußen befahl Bodo Kotzlowski seinen Glatzen einen Eimer Teer und ein paar Hühner herbeizuschaffen.

Sérge vertippte sich in der Hektik erneut. Als er es ein drittes Mal versuchen wollte, sagte der Junge am Telefon: "Ich glaube, das solltest du dir anhören." Er presste Sérge den Hörer ans Ohr.

Wieder eine Frauenstimme, verbindlich diesmal, mit einer Spur Süffisanz: "Wir weisen Sie darauf hin, dass Ihr Anruf kostenpflichtig ist. Allerdings kostet es nicht viel mehr als wenn Sie bei Günter Jauch anrufen, der seine Sendung aus Ihren Telefongebühren finanziert."

"Das darf doch nicht wahr sein!" keuchte Sérge.

Der Junge nickte. "Ich dachte auch immer, Jauch ist ein Philanthrop, der Regenwälder rettet und Menschen, die durch die Maschen des sozialen Netzes gefallen sind, die Chance gibt, wieder hochzukommen, Millionär zu werden und was sie nicht brauchen, dem WWF zu spenden."

Sérges Mund klaffte auf, dann wurde die Tür aufgerissen, und eine Schrecksekunde später stand Polizeianwärter Detlef Kowalke im Raum. "Verschärft", krähte der Jungpolizist. "Sind das Molotow-Cocktails, die Bodo da draußen hat?"

"Das hab ich gehört!" kreischte der Glatzenführer. "Wir sind keine Russen. Wir schmeißen mit Mutschmann-Schnaps!"

"Wo kommst du denn her?" wollte Sérge von Kowalke wissen. "Ich dachte, ihr seid alle in Vernehmungsgesprächen." Er wies auf den Telefonhörer.

"Ach, das ist doch nur so ein Programmbaustein."

Der Polizeianwärter hatte Dienstschluss. Er war vorbeigekommen, um eine Runde im Jugendklub abzuhängen und ein bisschen GTA4 auf der Playstation zocken. Es war ihm gelungen, unbehelligt in den Klub zu schlüpfen, weil Bodo Kotzlowski abgelenkt war. Er stauchte gerade ein paar seiner Jungs zusammen. Sie hatten ihm ein Fass Bitumen und zwei Tiefkühlhähnchen gebracht.

Sérge berichtete, weshalb die rechtsorientierten Jungerwachsenen vor dem Klub aufmarschiert waren. "Das alles ist ein riesiges Missverständnis. Mit Martin Luther meinen wir doch bloß den Reformator!"

Kowalke dachte nach. Reformatoren konnte er nicht leiden, weil sie der Polizei das Geld für Kampfmittel und schnelle Autos strichen. Andererseits fackelten die Glatzen da draußen eine Mülltonne ab, und das war ein klarer Gesetzesverstoß. Betreiber von Müllverbrennungsanlagen mussten sich vor der Inbetriebnahme einen Stapel BImSchG-Genehmigungen besorgen oder wie die Dinger hießen. Kowalke konnte sich nicht vorstellen, dass der jähzornige Kotzlowski die Geduld aufbrachte, die Formulare auszufüllen.

"Kannst du nicht deinen Wachtmeister anrufen?" flehte der entnervte Sérge.

Kowalke schüttelte den Kopf. "Seit wir den Telefoncomputer haben, kommt niemand mehr ins Revier durch. Der Chef sagt, das ist eine Art organisatorischer Firewall, damit wir wieder mal in Ruhe unsere Waffen putzen können."

Die Glatzen fingen an, ihren Mutschmann-Schnaps zu trinken und auf dem Klettergerüst hinter dem Klub herumzuturnen.

"Sie werden es kaputtmachen", klagte Sérge. "Es ist vom TÜV doch nur für Kinder bis zwölf Jahren freigegeben."

"Na gut", meinte Kowalke. "Ich rufe das SEK an. Aber das gibt ein ziemliches Massaker. Die Jungs sind die Elite. Die sind echt hart drauf."

Er tippte die Nummer ein und hielt sich den Hörer ans Ohr. "Komisch", meinte er nach ein paar Sekunden. "Ich wusste gar nicht, dass wir beim SEK Frauen haben."

Eine distanziert-erotische Stimme sagte: "Herzlich willkommen beim Spezialeinsatzkommando! Leider sind alle Einheiten im Einsatz. Falls Sie später noch am Leben sind, versuchen Sie es bitte noch einmal. Sie können aber auch unsere Selbstverteidigungs-Hotline nutzen. Werden Sie mit einem Messer angegriffen, drücken Sie bitte die Eins, für einen spitzen Damenschuh die Zwei. Wünschen Sie Informationen über die Abwehr von Motorsägenmördern, wählen Sie bitte die Drei …"