REVIER TIEF-OST

(57) Under Siege



Im Polizeirevier Tief-Ost war Alarmstufe Rot ausgerufen worden. "Alle Mann auf die Kampfstationen!" rief der Chef. "Rollos runter!"

Polizeianwärter Kowalke, der zu viele DVDs geguckt hatte, bestätigte den Befehl mit einem schmissigem "Alles Roger, Schilde hoch!"

Jalousien rasselten, Lampen wurden ausgeknipst. Kampfstationen hieß: Die Beamten krochen unter ihre Schreibtische und taten so, als ob niemand zuhause sei. Denn Eddie Raffke war im Anmarsch, der GEZ-Fahnder.

Raffke war ein zeckenartiger Mann mit dem Gesicht eines Frettchens, dem Charakter eines Wiesels und der Umtriebigkeit eines Hamsters im Laufrad. Er hatte Lebensversicherungen verkauft, Abos für ledergebundene Lexika vertrieben und an Tankstellen Wahlkampfspenden für die Grünen akquiriert. Er wusste, wie man sich auf verlorenen Missionen behauptete, und seitdem die GEZ Gebühren auf Computer erheben durfte, fühlte er sich als König der Kassierer.

"Alles auf Flüsterbetrieb", raunte der Revierleiter. Raffke war jetzt an der Tür. Er entdeckte den freiliegenden Klingeldraht, der mit einer Milliarde Volt geladen war, und die als Türklopfer getarnte Rattenfalle. Er wollte eine Zahlungsaufforderung hinterlassen, aber der Briefkasten war zugeschweißt. Mit der Spitze seines linken Lackschuhs hämmerte er gegen die Revier-Pforte: "Aufmachen, GEZ!"

Die Beamten verhielten sich mucksmäuschenstill, wie ein Schneedealer der sibirischen Mafia im Polizeiverhör. Eddie Raffke musste einen anderen Weg finden, um zu ihren Computern zu gelangen.

Für gewöhnlich reichte ihm schon ein Blick auf ein Rechnergehäuse. Dann würde er mit einem gerichtlichen Gebührenvollstreckungsbefehl wiederkommen.

Die Jungs vom Systemhaus hatten Insolvenz anmelden müssen, nachdem sie Eddie Raffke ihr Lager gezeigt hatten. Dass sie gar nicht genügend CPUs besaßen, um alle Gehäuse in Rechner zu verwandeln, interessierte den Fahnder nicht: "Für CPUs sind in der Gebührenordnung keine Nachlässe vorgesehen."

Nur Rudi, der Rollstuhlfahrer, der als gefürchteter Hacker Silver Surfer das Internet unsicher machte, war dem GEZ-Eintreiber entkommen. Er hatte sich vorausschauend einen zerlegbaren Laptop zugelegt, dessen Komponenten wie ein Rollstuhltablett mit Schnabeltasse und mukoviszidosegerechtem Essbesteck aussahen. Selbst die GEZ hatte einen gewissen Respekt vor Behinderten.

Eddie Raffke versuchte jetzt, durch einen Spalt in der Jalousie in die Dienststube zu spähen.

"Gegenmaßnahmen einleiten!" flüsterte der Revierleiter.

Drombusch zündete das Elektroschweißgerät, das sie sich bei Klaus, dem Schlosser, geliehen hatten. Mit verblitzten Augen taumelte Raffke zurück. Für die nächsten drei Tage konnte er keine Computer mehr erkennen, aber die Polizisten wussten, dass er weitermachen würde, so lange nicht auch sein Tast- und sein Riechsinn ausgeschaltet waren.

Der GEZ-Fahnder probierte, durch das Kellerfenster ins Revier zu gelangen, aber dort hatte POM Schröder seine Nussknacker-Drechselbank geparkt, die zufällig mit vollen Umdrehungen lief.

Brüllend zog Raffke seinen Fuß zurück. Der linke Lackschuh war auf die Form einer erzgebirgischen Bergmannskappe zurechtgestutzt worden.

Dann wurde es still.

Es musste ein Trick sein, denn so rasch hatte Eddie Raffke noch nie aufgegeben. Der Revierleiter machte seinen Männern ein Zeichen, auszuschwärmen und alle Zugänge zu kontrollieren: das Küchenfenster, die Außengitter der Zellen, das Abflussrohr im Sanitärtrakt.

"Check. Check. Check", kam es zurück. Eddie Raffke war verschwunden.

Polizeianwärter Kowalke äugte durch die Dachluke und schrie: "Kontakt!"

Der GEZ-Fahnder hangelte sich an der Feuerleiter hoch.

Mit einem unglaublichen Hechtsprung, der Lew Jaschin Respekt abgenötigt hätte, erreichte der Revierleiter seinen Schreibtisch, schnappte sich den bereitliegenden Funkfernzünder und löste die Bündelladungen aus, die an den Haltebolzen der Leiter klebten.

In stummem Protest kippte Eddie Raffke nach hinten und schlug auf den Asphalt.

"Check!" meldete Kowalke.

Draußen hievte sich Raffke in seinen Sportgolf, trat das Gaspedal wutentbrannt bis zum Anschlag durch und schoss auf radierenden Reifen davon.

Blitz-Blitz-Blitz!

Nacheinander gingen die sieben Radarfallen los, die Drombusch in den Nachbarrevieren zusammengeborgt hatte.

"Fein", rechnete der Revierleiter vor. "Wenn er noch mal vorbeikommt, haben wir die Jahresgebühr zusammen."