REVIER TIEF-OST

(58) Flasche kaputt!



Wachtmeister Dombusch saß allein im Revier Tief-Ost und überlegte, ob er eine Vermisstenanzeige aufgeben sollte. Heute Morgen war Polizeianwärter Kowalke losgezogen, um die leeren Flaschen von Silvester zur Kaufhalle zu bringen. Den Pfand sollte er in eingeschweißtes Teegebäck für den Chef reinvestieren, aber er war nicht zurückgekommen.

Der Revierleiter hatte POM Schröder losgeschickt, um Kowalke zu suchen. Auch er war nicht wiedergekommen. Vielleicht hatte der alte Kollege unterwegs einen Hexenschuss erlitten. Das passierte häufig, wenn er arbeiten sollte, und Drombusch machte sich keine Sorgen, bis die Zeit für die Kaffeepause herankam und der Revierleiter ungeduldig wurde.

Der Chef war selber losgegangen, um nach Kowalke, POM Schröder, den Flaschen und dem Teegebäck zu schauen.

Nun wurde es draußen dunkel, und auch der Chef blieb verschwunden.

Drombusch verwarf die Idee mit der Vermisstenanzeige, denn das Formular war im Computer, und der Computer war seit voriger Woche eingefroren. Die Jungs vom Systemhaus hatten dafür wie üblich keine Erklärung. Sie hatten den Beamten empfohlen, zu warten und es im Frühjahr noch einmal zu probieren.

Brummend setzte sich Drombusch in Bewegung, um seine Kollegen zu suchen. Vielleicht waren alle von der sibirischen Mafia erledigt worden. Eine Einwegflasche brachte 25 Cent Pfand. Für einen ganzen Beutel davon würden manche Leute töten. Doch bevor Drombusch das Polizeipräsidium alarmieren konnte, musste er die Leichen seiner Kollegen finden. Er wolle sich hinterher nicht wieder nachsagen lassen, zu übertreiben.

Er fand seine Kollegen in der Kaufhalle, wo sie lebend aber ratlos vor dem neuen Flaschenautomaten standen.

"Gut, dass du kommst, Horst", sagte der Revierleiter. "Das blöde Ding will unsere Flaschen nicht nehmen. Wir waren gerade dabei, Zwangsmaßnahmen einzuleiten."

Seit Stunden stopften die Beamten unermüdlich leere Flaschen in die schwarze Öffnung. Im Inneren sirrte, summte und säuselte es, dann spuckte der Automat die Flaschen jedes Mal wieder aus. Sie hatten die Flaschen behutsam hineingesteckt oder mit Schwung, sie hatten die Etiketten glatt gestrichen und zuletzt sogar Fünfeuroscheine an die Flaschenhälse gebunden. Ohne Erfolg.

Flasche nicht akzeptiert, stand auf dem Display.

Hinter ihnen hatte sich eine Menschenschlange gebildet, die bis zur Straße reichte und den Durchgangsverkehr gefährdete.

Wütend ergriff Kowalke die Initiative. Er schob seinen Arm in die Öffnung, um eine Flasche mit Gewalt hineinzustopfen. Der Automat murrte, muckte und malmte. Aufjaulend zog Kowalke seine Hand zurück. Sie war gestaucht, gequetscht und vermutlich auch gebrochen.

Flasche deformiert, meldete das Display.

Drombusch brummte: "Dumm ist er ja nicht."

Endlich erschien der Marktleiter. "Bitte unterlassen Sie die unsachgemäße Bedienung unseres Automaten!" rief er schon von Weitem.

"Das Ding ist kaputt", sagte ein älterer Herr aus der Schlange. "Vielleicht wieder der Schredder."

Der Marktleiter schüttelte energisch den Kopf. "Unmöglich, der Automat ist neu."

Unter dem Druck der wartenden Menge gab er jedoch nach, öffnete eine Blechtür und verschwand im Gehäuse. Der Automat krachte, kreischte und knatterte. Dann wurde der Marktleiter hinten ausgeworfen. Der Kittel hing in Streifen an ihm herunter. Sein Gesicht sah aus, als habe er sich mit einem Mähdrescher rasiert. Er blutete auch so.

Flasche verschmutzt, stand auf dem Display.

"Sehen Sie", keuchte der Marktleiter. "Der Shredder funktioniert."

"Der Automat nimmt unsere Flaschen nicht", maulte POM Schröder. "Wo kriegen wir jetzt unser Pfandgeld her?"

Der Marktleiter kratzte sich am Kopf. "Keine Ahnung. Es muss an den Flaschen liegen. Der Automat ist jedenfalls in Ordnung."

Der Revierleiter zuckte mit den Schultern. "Na fein, da sind wir beruhigt und können mit der Lebensmittelkontrolle anfangen. Horst, würdest du bitte nach den Marmeladenkeksen und dem Kaffee sehen? Luxusröstung, wenn's geht."

Drombusch verstand.

"Haltbarkeitsdatum nicht akzeptiert", knurrte er.