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(60) Papierfrieden
Um die Finanzen des Polizeireviers Tief-Ost stand es miserabel. Polizeianwärter Kowalke hatte letzten Monat seine erste eigenständige Verkehrskontrolle zur Durchführung gebracht. Handbuchgemäß hatte er den Verkehrssündern zunächst ein Ordnungsgeld angeboten. Alternativ konnten sie sich für einen langwierigen Papierkrieg entscheiden. Natürlich hatten die meisten Autofahrer das Geld genommen.
"Okay", sagte der Revierleiter, als er vom Krisengespräch mit dem Polizeipräsidenten kam. "Jetzt ist es offiziell: Wir führen das papierlose Büro ein. Das bringt Einsparungen von zehn Prozent."
Papierloses Büro bedeutete: Im gesamten Revier durfte kein Blatt, keine Seite, kein Fetzen Papier mehr benutzt werden. Kowalke protestierte lautstark, als er die Schublade mit seiner Papierfliegersammlung abgeben musste. Aber der Revierleiter duldete diesmal keine Inkonsequenzen.
Anfangs sparten sie wirklich enorm. Kein teures Hochglanzpapier mehr im Drucker. Das senkte auch den Stromverbrauch. Sobald die Tintenpatrone eingetrocknet war, konnte man sie sogar Shreddern und als Fingerabdruckpulver verwenden.
Außerdem sparten die Beamten Kaffeegeld, weil die Kaffeemaschine ohne Filtertüten nicht funktionierte.
POM Schröder stand jetzt viel öfter zur Verfügung, weil er kaum noch aufs Klo ging, denn selbstverständlich erstreckte sich das Konzept des papierlosen Büros auf alle Bereiche des Dienstlebens.
Wachtmeister Drombusch war recht zufrieden. Er konnte zwar keine Bußgeldbescheide mehr ausdrucken, aber das hieß auch, dass keine Widersprüche mehr zurückkamen, die er vor dem Vernichten lesen musste. Die Wagen der Verkehrssünder schleppte er nun ohne langen Papierkrieg zur Autopresse. Der Schrotthandel zahlte gut, und die Revierbilanz besserte sich.
Nur der Chef wurde nicht glücklich. Er bekam alle Dienstanweisungen als E-Mails, und das ständige Geklingel des Posteingangs störte ihn in seiner Konzentration, wenn er 3D Pinball spielte.
Dann machte Zaunlatten-Rolf wieder von sich reden, der gefürchtete Entblößer von Tief-Ost.
Zaunlatten-Rolf war ein Spitzname. Die Beamten wussten nicht, wie er aussah, weil sich keine der Frauen, vor denen er herumgeturnt war, sein Gesicht gemerkt hatte.
Diesmal aber hatte sich Zaunlatten-Rolf das falsche Opfer ausgesucht. Die 89-jährige Diakonissenschwester Mechthild Ehrenfels.
"Wollen Sie keine Phantomzeichnung erstellen?" fragte die Diakonisse streng.
"Geht nicht", erwiderte Drombusch. "Wir haben ein papierloses Revier."
Aber die Schwester war zudringlich wie eine Hornisse, und so ließ sich der Wachtmeister das Gesicht des Täters mit einem Filzstift auf die Handfläche malen. Zaunlatten-Rolf wurde trotzdem nicht gefunden.
In den nächsten Tagen verpufften die Einspareffekte des papierlosen Büros. Die Beamten stiegen auf gefriergetrockneten Kaffee um. Polizeianwärter Kowalke baute aus seiner Dienstmütze ein Ufo, das bis zur Kläranlage flog und danach als Kopfbedeckung nicht mehr zu gebrauchen war. POM Schröder kam ins Krankenhaus, weil die Klobürste ein schlechter Ersatz für Hakle extrafluffig war.
"Jetzt reicht's!", verkündete der Revierleiter das Ende des papierlosen Büros. Er wollte die Dienstanweisungen aus dem Polizeipräsidium wieder auf der Schreibtischkante stapeln, um sie bei Bedarf mit dem Ellenbogen in den Papierkorb stoßen zu können.
Drombusch musste sich wieder mit Eingaben herumschlagen.
Es dauerte nicht lange und Wolf Klugmann stürmte ins Revier, der Bürgerrechtler. Drombusch hatte Klugmanns Auto wegen einer fehlenden TÜV-Plakette als Schrottpaket nach China verschifft, wo das Unrechtsregime kalt lächelnd einen Räumpanzer daraus gegossen und diesen auf friedliche Demonstranten losgelassen hatte.
Drombusch hob abwehrend die Hand, aber Klugmann war so in Fahrt, dass er dagegen prallte.
Es war die Hand mit der Phantomzeichnung von Zaunlatten-Rolf. Wolf Klugmann schwitzte vor Erregung, und so kam eins zum anderen.
Als der Bürgerrechtler Luft holte, sagte der Wachtmeister: "Das ist der Kerl!"
So kam es, dass Drombusch der einzige im Revier war, der dem papierlosen Büro nachtrauerte, denn so leicht war er mit Leuten wie Klugmann noch nie fertig geworden.
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