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(61) Der Alcopopomat
Eines Nachmittags nach Unterrichtsschluss kam der Direktor des Juhnke-Gymnasiums ins Polizeirevier Tief-Ost. Er wirkte verzweifelt. Seine Schule litt unter einem schweren Alkoholproblem.
Die Schüler fanden den Unterricht zu kompliziert und fingen zu trinken an. Die Ranzenkontrollen wurden verschärft, doch weil kaum noch jemand einen Schulranzen benutzte, war nichts gefunden worden. Daraufhin wurden die Mathehausaufgaben potenziert, aber das hatte das Problem erst recht nicht gelöst. Die Schüler torkelten wie Zombies durch die Flure, die Lehrer waren dem Nervenzusammenbruch nahe, und Stephan, der gewissenlose Betreiber des Kiosks neben der Schule, würde bald Millionär sein.
"Es sind die verfluchten Alcopops", seufzte der Direktor.
Der Revierleiter nickte. Laut Polizeilabor enthielten Alcopops Bier, Wein oder Wodka, dazu Koffein, Taurin, Niacin, Alphabetazin und ein halbes Dutzend weitere Disziplin zersetzende Substanzen.
Drombusch zuckte mit den Schultern: "Da hilft nur eines: "Alle suspendieren. Macht unsere Dienstaufsicht genauso. Dann holen wir uns Gummiknüppel und Plexischilde aus der Rüstkammer und sorgen dafür, dass die Bagage nicht mehr in eure schöne Schule reinkommt."
Der Revierleiter ließt sich den Vorschlag durch den Kopf gehen, ordnete dann jedoch erst einmal eine stinknormale Alkoholkontrolle an. Wer in die Schule wollte, musste ins Röhrchen pusten.
Das zog Komplikationen nach sich.
"He", rief Polizeianwärter Kowalke, als zwei Mädchen sich an der Einlasskontrolle vorbeimogeln wollten. "Ihr müsst erst blasen, ehe ihr reindürft!"
"Das ist eine Schule, keine Disko", belehrte ihn die eine. Die andere flötete: "Ich würde maximal dann blasen, wenn ich dafür nie wieder hier reinmüsste."
Eine Viertelstunde später gingen den Beamten die Röhrchen aus, und so sehr Drombusch auch insistierte, die Schüler weigerten sich, die alten zu benutzen - wegen Herpes, Aids, Lippenkrebs und all den anderen schlimmen Dingen, die aus CIA-Labors über die Welt gekommen waren.
"Verdammt, so kommen wir nicht weiter", fluchte der Revierleiter und rief bei den Jungs vom Systemhaus an, die meistens eine Innovation auf Lager hatten, wenn die Polizei nicht weiter wusste.
Eine Woche später wurde am Eingang zum Juhnke-Gymnasium der Alcopopomat aufgestellt, ein schwarz lackierter Container, in dem rötliches Schummerlicht herrschte. Im Innern befanden sich drei Vorrichtungen zum Testen der Reflexe von Personen, die unter Alkopopverdacht standen. Nur wer alle Tests bestand, wurde für unterrichtstüchtig erklärt.
Station Nummer eins: Einhändiges Steuern eines Rennboliden in einem Playstationspiel mit mieser Fahrphysik.
Station Nummer zwei: Einfingeriges Tippen einer SMS unter Zeitdruck.
Station Nummer drei: Einäugiges Kommunizieren in einem Chatroom mit 48 Teilnehmern. Man durfte nur mit einem Auge hinsehen und trotzdem nie den Überblick verlieren.
"Das würde ich nicht mal nüchtern schaffen", freute sich der Revierleiter.
Dann näherte sich Gunnar Grunzenhauser dem Alopopomaten. Gunnar war ein großer blonder Junge mit wodkagrauen Augen, der Klassentrinker aus der 11 b. Stocksteif behauptete er, stocknüchtern zu sein.
"Na, dann geh mal da rein, mein Junge." Der Revierleiter wies auf den Container.
Gunnar torkelte unsicher ins Dunkel, bestand aber alle Tests mit Bravour. Bei den anderen Schülern war es dasselbe: unsicherer Gang, unsteter Blick, aber ein unanfechtbares Ergebnis: bestanden, bestanden, bestanden …
Von den Lehrern schaffte es keiner durch den Alcopopomaten. An Unterricht war unter diesen Umständen nicht zu denken.
"Ich weiß nicht", brummte der Revierleiter. "Irgendetwas läuft hier falsch."
Drombusch hob die Schultern. Lehrer draußen, Schüler drinnen. Er hatte es andersherum haben wollen, aber in den Jahrzehnten bei der Polizei hatte er gelernt, dass man manchmal mit dem zufrieden sein musste, was (oder wen) man kriegen konnte.
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