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(62) Policeware 3.0
Im Polizeirevier Tief-Ost gingen an diesem Morgen gleich zwei Schreckensmeldungen ein. Ins Seniorenheim Villa Grottenolm war eingebrochen worden. Der Täter hatte die Kaffeekasse aus dem Gemeinschaftsraum, zweieinhalb Pfund Luxusröstung aus der Küche und von den Nachttischen die dritten Zähne der Heimbewohner gestohlen, vermutlich, um die eingearbeiteten Edelmetalle zu gewinnen.
Das alles sah nach der Handschrift des dorfbekannten Kaffeekassenknackers Schlieder aus, und Drombusch wollte los, um sich den Delinquenten zu greifen. Aber der Revierleiter sagte: "Stopp, Horst, ich brauche heute jeden Mann im Objekt!"
Das hing mit der zweiten Schreckensmeldung zusammen.
Die Jungs vom Systemhaus hatten sich angekündigt. Sie wollten ein Update machen.
"Prima", freute sich Polizeianwärter Kowalke. "Ein Date hatte ich schon lange nicht mehr."
Tatsächlich aber ging es darum, die neue Version der Polizeisoftware auf den Revierrechnern zu installieren - Policeware 3.0.
"Es geht ganz schnell", versprachen die Techniker, und zumindest was das Auspacken der CD-ROM anging, hielten sie Wort.
Die Installation zog sich dann über mehrere Stunden hin, weil der Kopiervorgang jedes Mal kurz vor Schluss abbrach.
Bitte starten Sie den Rechner neu und beginnen Sie von vorn, meldete das Programm.
Drombusch holte tief Luft.
"Das ist ganz normal", beruhigten ihn die Techniker. "Gewissermaßen das Standardverhalten."
Als der Statusbalken zum siebenten Mal beinahe den rechten Bildschirmrand erreicht hatte und in dieser Position verharrte, schlug Drombusch mit der flachen Hand links gegen den Monitor.
Der Balken sprang in die Endposition.
Die Techniker blinzelten überrascht, fingen sich aber rasch und begannen, den Beamten die Bedienung der neuen Programmversion näher zu bringen. "Beginnen wir mit dem Erstellen neuer Dateien!"
POM Schröder für den der Computer sonst ein Stahlschrank mit sieben Kombinationsschlössern war, räusperte sich. "Das ist leicht. Wir klicken einfach auf den kleinen weißen Zettel links oben."
Aber der Zettel war nicht mehr da. Das gesamte Menü fehlte.
"Es ist verborgen", erläuterten die Techniker. "Ihr müsst es erst entbergen, das Entbergen doppelt bestätigen und danach auf den Zettel klicken, der jetzt übrigens ganz rechts sitzt und nicht weiß, sondern grau aussieht."
"Wieso das?" wollte der Revierleiter wissen.
"Keine Ahnung. Wahrscheinlich soll das ein Recyclingzettel sein. Fortschritt und Umweltdenken, ihr wisst schon."
Die Polizisten wussten nicht. Sie fragten, ob man den Zettel nicht wieder an den alten Fleck setzen könne, aber die Techniker zuckten bedauernd mit den Schultern. "Das geht nicht. Es ist das Standardverhalten des Programms."
Drucken war jetzt ebenfalls nicht mehr so einfach. Statt eines einfachen Klicks auf das Druckersymbol mussten die Beamten das Symbol erst einmal suchen. Sie fanden es unter Special Utilities (was immer das hieß), zwischen dem Fremdaktenkonverter (wer immer das war) und dem Antiprivacyverifizierer (wozu immer der diente).
Klickten sie dann auf das Druckersymbol, öffnete sich eine Karteikarte, wo sie ihre Dienstnummer angeben, Größe und Beschaffenheit des Druckerpapiers auswählen sowie eine stichpunktartige Begründung eintragen mussten, warum gerade diese Datei ausgedruckt werden sollte.
Drombusch schnaubte, aber die Techniker konnten auch nichts ändern, denn dies war nun mal das Standardverhalten der neuen Software.
Auch Speichern war nicht mehr ohne weiteres möglich. Der Button befand sich im Unter-unter-unter-Nebenmenü Wichtige Funktionen. Um ihn zu betätigen, musste sich der Nutzer über einen Netzhautscanner identifizieren, der abstürzte, als Drombusch wütend hineinstarrte, was selbstredend das Standardverhalten und nicht zu ändern war.
Am späten Nachmittag stand es 3:0 für die Software gegen die Anwender, und Drombusch ahnte, weshalb das Programm Policeware 3.0 hieß.
Endlich durfte er los, den Kaffeekassenknacker verhaften. Als er wiederkam, hatte er Schlieder wie einen nassen Sack im Schwitzkasten. Schlieder schwitzte Blut und Wasser, was nicht bloß eine lyrische Umschreibung war.
"Ich werde euch wegen Polizeibrutalität verklagen!" winselte er, aber der Revierleiter winkte ab.
"Da hast du keine Chance. Das ist nämlich Horsts Standardverhalten."
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