REVIER TIEF-OST

(63) 512 MB



Der Monat Juli stand im Polizeirevier Tief-Ost im Zeichen der Aufrüstung. In der ersten Woche wurden frische Batterien für die Dienst-Taschenlampen geliefert, in der zweiten die gesprungene Kanne der Kaffeemaschine ersetzt. In der dritten erhielt die Radarfalle einen neuen Tarnanstrich. Der Höhepunkt folgte in Woche vier, als in die Revierrechner satte 512 MB Arbeitsspeicher eingebaut wurden.

Erstmals hatten die Beamten Zugriff auf Dateien, die vorher zu groß gewesen waren, zum Beispiel auf die Antiterrordatei.

"Stimmt", brummte Drombusch nach dem ersten Überfliegen. "Was hier steht, ist wirklich blanker Terror." POM Schröder und Polizeianwärter Kowalke pflichteten ihm bei, aber der Revierleiter stellte fest, dass sie den Speiseplan der laufenden Woche aufgerufen hatten.

Die Terrordatei befand sich einige Klicks weiter. Sie enthielt die aufwendig in 3D gerenderten Visagen der schlimmsten Schurken, die man seit der Vorstellung der Jurorenriege von Deutschland sucht den Superstar gesehen hatte. Zum Beispiel: Achmed ibn Labdulla, der Koranschüler. Mohammed al Duckdaffy, genannt der Schächter. Asamo bin Essen, verdächtig der Herbeiführung mehrerer Explosionsverbrechen.

"Den kenne ich", sagte Drombusch, als er das Fahndungsfoto sah. "Er hat einen Keksladen in der Kreisstadt."

Drombusch hatte den fetten Araber im Visier, seitdem er nach dem Genuss eines klebrigen orientalischen Gebäckstücks eine Zahnplombe verloren hatte. Nun hatte er endlich etwas gegen den Mann in der Hand. "Den greife ich mir", knurrte er und setzte sich mit Kowalke im Schlepptau in Richtung Kreisstadt in Bewegung.

"Stellt ein paar Kekse sicher!" rief ihnen der Revierleiter hinterher.

In Asamo bin Essens Laden saß nur eine magersüchtige Verkäuferin, die einen Schleier trug und ratlos einen Teller Kekse anstarrte. Wegen der strengen Regeln des Islam musste der Inhaber alle paar Wochen das Personal auswechseln.

Drombusch befahl Kowalke, die Frau erkennungsdienstlich zu behandeln, indem er ihre Finger- und Augenbrauenabdrücke nahm. Dann fuhren sie weiter zum Haus des dicken Terroristen.

Kowalke sollte vorne klingeln, während Drombusch hinten mit einem Sack in der Hand unter dem Toilettenfenster wartete, ein Trick, der bei dem Kaffeekassenknacker Schlieder jedes Mal funktionierte.

"Er ist nicht da", rief Kowalke über Funk.

"Verdammt", machte Drombusch.

"Hier steht, dass er zum Essen gegangen ist."

Der Wachtmeister verzog das Gesicht. "Das ist sein Namensschild, du Trottel. Und jetzt: Zugriff!"

Kowalke klingelte, der Terrorist schreckte hoch, äugte durch den Türspion, sah die Uniform und versuchte erwartungsgemäß, sich durchs Klo abzusetzen. Er schaffte es nicht bis in den Sack, sondern blieb im Fensterrahmen stecken, wo ihm Drombusch einen Psalm aus dem Strafgesetzbuch vorlas.

In der Wohnung des Terroristen fanden sie nichts Verdächtiges, nur einen Stapel Backrezepte, aber Drombusch meinte, auch aus Backpulver könne man Bomben bauen. Er befahl Kowalke, in der Chirurgie anzurufen und ein paar Ärzte mit einem Fettabsauger zu bestellen, damit sie den Kerl aus dem Fensterrahmen befreiten.

Später im Revier verlangte der Terrorist keifend zu erfahren, was man ihm eigentlich vorzuwerfen habe.

Der Revierleiter fuhr den Rechner hoch. "Das werden wir gleich mal in deinem Straftatenregister nachsehen."

Der Computer rödelte, rödelte und rödelte. Dann erschien eine Meldung auf dem Bildschirm: Kein ausreichender Arbeitsspeicher, Datei zu groß.

Zähneknirschend mussten sie Asamo bin Essen ziehen lassen. "Warte nur", drohte der Revierleiter. "In drei Jahren bekommen wir 1024 MB. Dann sehen wir uns wieder!"