REVIER TIEF-OST

(64) The Blogger



Es war Sommer in Tief-Ost. Die Sonne brannte vom Himmel, in ihrem grellen Licht konnte niemand das Blitzen von Wachtmeister Drombuschs neuer Radarfalle sehen, und alle waren glücklich.

Nur die Landwirte nörgelten herum und erklärten, die Ernte sei in Gefahr. Aber das taten sie immer. Es hatte nichts damit zu tun, dass Drombusch Radarfallen neuerdings in Weizenfeldern und Maislabyrinthen versteckte und Kowalke mit dem Videoverfolgungsfahrzeug hinter Mähdreschern herschickte, damit er festhielt, wie die Bauern den Verkehr behinderten, denn auch das taten sie immer.

Der Revierleiter kam grübelnd vom Baggersee. Er war hohlwangig, übernächtigt und hatte einen leichten Sonnenstich, denn er hatte das gesamte Wochenende hindurch mit Karl dem Karpfen gerungen, was hieß, dass er nichts gegessen und sich nur von einem Kasten hochsommerlich temperiertem Bier ernährt hatte.

Mit der letzten Flasche hatte er versucht, den Fisch totzuwerfen, aber das hatte auch nicht geklappt.

Karl der Karpfen war legendär. Er wog so viel wie ein kleiner Gabelstapler, war gerissen wie eine U-Haft-Zelle voller Hütchenspieler, und biss angeblich nur an, wenn ein Angler träumend am Ufer stand und ins Wasser pinkelte.

Auf der Fahndungsliste des Revierleiters stand er ganz oben, noch über Igor Datschenko, dem Juniorpaten der sibirischen Mafia, der in der vorigen Saison Hans den Hecht aus dem Baggersee entführt, aufgeschlitzt und gegessen hatte.

Als der Chef ins Objekt kam, hatte er seinen Termin mit Ingo Rudwaleit, dem Generalpressesprecher der sächsischen Polizei, völlig vergessen.

Rudwaleit war ein hyperaktiver Machertyp, der Kommunikationswissenschaften studiert hatte und glaubte, das gebe ihm das Recht, die Beamten mit E-Mails, Faxen, Handyanrufen und Voicemailnachrichten zu terrorisieren. Wenn er persönlich erschien, bedeutete das die berüchtigten drei U: Unruhe, Unannehmlichkeiten, Überstunden, kurz: destillierten Stress.

"Sie müssen etwas für das internationale Image der Polizei tun!" sagte Rudwaleit. Er führte aus, dass das Revier Tief-Ost durch eine Reihe spektakulärer Einsätze eine gewisse Berühmtheit erlangt habe. Aus Sicht des Polizeipräsidenten waren die Einsätze zwar spektakulär danebengegangen, aber sie hatten es auf die Titelseite der Heimatzeitung, in den Jahresbericht von Amnesty International und in den Witzteil der New York Times geschafft, und das war alles, was aus Rudwaleits Sicht zählte.

"Sie müssen unbedingt bloggen!" rief er aus. Der Revierleiter nickte. Er blockte immer, wenn das Polizeipräsidium etwas von ihm wollte.

"Fein!", freute sich Rudwaleit. "Ich habe Ihr Onlinetagebuch schon eingerichtet. Sie müssen nur noch tippen, am besten täglich einen Eintrag!"

Auf Befehl des Polizeipräsidenten sollte der Revierleiter künftig Beamte aus aller Welt an seinen Gedanken teilhaben lassen - via Internet.

"Was soll ich denn schreiben?" fragte er unsicher.

"Was Ihnen am meisten durch den Kopf geht", sagte Rudwaleit. Er rief die Eingabemaske des Blog-Programmes auf. "Berichten Sie der Welt da draußen von den schwierigen Kämpfen, die Sie in der ostdeutschen Provinz auszufechten haben. Das kommt an, das garantiere ich Ihnen!"

Dann war der Generalpressesprecher fort, und der Revierleiter saß nachdenklich an der Tastatur. Nach einer Weile begann er zu tippen.

Er schrieb, dass ihm am Wochenende ein dicker Fisch entkommen sei, der Karl hieß und bisher noch jedem vom Haken gesprungen sei. Er offenbarte der Welt, dass er nichts gegessen, aber zu viel getrunken habe und nahe daran sei, zu kotzen und dann aufzugeben. In dieser Reihenfolge.

Am Nachmittag fand er einen Eintrag von einem Fahnder des BKA im Gästebuch: Halten Sie durch! Ziehen Sie die Maschen des Netzes enger!

Ein Netz. Daran hatte der Revierleiter noch gar nicht gedacht. Er ließ Drombusch das Tornetz des FC Abwärts Tief-Ost beschlagnahmen und zog es an seinem Blechboot durch den Baggersee. Aber außer einem illegal entsorgten Trabant Kombi fing er nichts von Bedeutung.

Er schrieb, dass ihm der Fisch durch die Maschen geschlüpft sei, was angesichts von Karls Kaliber an Zauberei grenze.

Trinken Sie mehr und schieben Sie ihm Rauschgift unter, riet ein New Yorker Cop im Gästebuch.

Der Revierleiter schickte Drombusch zum Diskotempel in der Kreisstadt, wo er eine Palette Smirnoff Ice und einen Gefrierbeutel voll Ecstacy beschlagnahmte. Er trank den Wodka und versenkte die Pillen im See, aber Karl tauchte nicht auf.

Er ist schlüpfrig wie ein Aal, berichtete der Revierleiter im Blog.

Ob er schon versucht habe, jemanden bei Karl einzuschleusen, wollte ein Inspektor von Scotland Yard wissen.

Danke für den Tipp, tippte der Revierleiter.

Nur mit seiner Dienstbadehose bekleidet, musste Polizeianwärter Kowalke durch den Baggersee kraulen. Er sollte Karl auf die ausgeworfene Angel zu treiben, fand aber nur Marcel, den Sporttaucher, der seit dem Vortag vermisst wurde. Die Obduktion ergab, dass er an einer Überdosis Ecstacy gestorben war.

Die Jagd hat ein ziviles Opfer gefordert, schrieb der Revierleiter. Ich hoffe, das führt nicht zu Schuldzuweisungen.

Ein Kollege aus Rom antwortete ihm: Wenn wir die Mafiabosse nicht kriegen, warten wir, bis sie sich gegenseitig in die Luft sprengen. Das klappt gut.

Das war ein neuer Gedanke. Der Revierleiter ließ sich von Kowalke sämtliche Spreng- und Irritationsmittel aushändigen, die der Jungpolizist gebunkert hatte. Er warf die Granaten in den See. Es gab eine erfrischende Fontäne, dann trieben Bert der Barsch, Frieda die Forelle, Norbert das Neunauge, Pia die Plötze und Frank der Zander kieloben auf dem Wasser. Nur Karl fehlte.

Der verdammte Karl.

Der Revierleiter bloggte, dass er die kleinen Fische nun alle habe, damit aber nicht glücklich sei.

Dranbleiben, ermunterte ihn ein französischer Flic. Ein Russe ergänzte: Erschießen Sie den Kerl. Lassen Sie es wie einen Unfall aussehen.

Der Revierleiter feuerte ein volles Magazin in den See. Ein Abpraller brachte Hugo den Haubentaucher zur Strecke, der im falschen Moment hochkam. Wenigstens sah es wie ein Unfall aus.

Entnervt rief der Revierleiter Rocco Rucks an, den Zugführer der freiwilligen Feuerwehr. Der Baggersee wurde ausgepumpt, sodass Klaus der Schlosser mit seinem großen Stapler hineinfahren und Karl den Karpfen auf die Gabel nehmen konnte.

Der Revierleiter berief eine große Party in POM Schröders Kleingarten ein, der auf dem Hang über dem Baggersee lag.

Fischzug beendet, schrieb er am nächsten Morgen in den Blog. Habe die Feuerwehr hinzugezogen. Karl ist Geschichte. Er wurde vollständig gegrillt.

Kollegen aus aller Welt gratulierten ihm.

In den darauf folgenden Wochen gingen rund um den Globus die Häuser schwerreicher Gangsterbosse in Flammen auf, die sich für unantastbar gehalten hatten. Obwohl die Feuerwehr schon vor der Tür stand, kam jede Hilfe zu spät.

Die internationale Fahndergemeinschaft nannte es die Wild-Ost-Methode.