REVIER TIEF-OST

(65) Online-Razzia



Die Woche im Revier Tief-Ost begann mit einer Schreckensmeldung. Ein Hacker hatte Flensburg überfallen und aus dem Rechner des Kraftfahrtbundesamtes sämtliche Punkte gestohlen. Wachtmeister Drombusch sah die Früchte eines halben Dienstlebens den Bach, respektive die DSL-Leitung runtergehen.

Der Angriff war kaltschnäuzig, mit cooler Präzision und wassergekühlten Doppelkernprozessoren ausgeführt worden. Aber dann hatte der Täter einen Fehler begangen. Er hatte sämtliche Punkte auf das Konto des Innenministers gebucht, was diesem ein lebenslanges Fahr-, Flug- und Rollverbot bescherte. Das Land lachte sich krumm, schief und scheckig, aber die Behörden hatten plötzlich eine Spur.

"Das ist die Handschrift des Silver Surfers", sagte der Revierleiter. Die Beamten nickten. Rudi der Rollstuhlfahrer, ein rüstiger Senior, trieb unter diesem Tarnnamen Schabernack im Internet. Die Flensburg-Geschichte war genau seine Kragenweite.

"Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass wir die Beweise auf seinem Laptop finden", führte der Revierleiter aus. Drombusch grunzte und wollte sofort los zur Seniorenresidenz Villa Grottenolm, wo Rudi lebte, schlief und surfte, wenn er nicht schlief.

"Augenblick, Horst, so einfach geht das nicht."

Der Chef erläuterte, dass das BKA, um sicherzugehen, eine neue Geheimwaffe einsetzen würde: die Online-Razzia.

"Klingt kompliziert", fand Drombusch, was der Revierleiter bestätigte: "Deshalb schicken sie POK Wolsky her."

"Der Mann ist Polizeioberkommissar?" staunte der eifrige Polizeianwärter Kowalke.

"Nein, POK steht für Polizeionlinekommissar."

POK Wolsky gehörte der Sondereinheit Cyberkriminalität an, was ein echter Zungenbrecher war, der den durchschnittlichen Polizisten zum Sabbern brachte. POM Schröder, der Revier-Oldie, bekam vor Ehrfurcht einen Knoten in der Zunge und sagte den Rest des Tages nichts mehr.

POK Wolsky war etwa so alt wie Kowalke, hatte aber mehr Pickel und bezog deutlich mehr Gehalt. "Dieser Silver Surfer ist ein alter Mann?" fragte er. "Okay, das wird leicht. Vielleicht schläft er am Computer ein und merkt überhaupt nichts."

"Was haben Sie vor?" wollte der Revierleiter wissen.

"Ich lasse erstmal Inspektor Trojaner auf ihn los."

Kowalke wunderte sich, dass das Bundeskriminalamt tote Männer einsetzte. Im Kino hatte er gesehen, dass die Trojaner alle von den Griechen niedergemetzelt worden waren. Aber vielleicht hatte das ja ökonomische Gründe. Toten Polizisten zahlten sie vermutlich noch weniger als Polizeianwärtern.

POK Wolsky schickte seinen Trojaner durch die Leitung. Der Silver Surfer hatte auf diesen Zug gewartet. Er bereitete Wolskys Trojaner einen Empfang wie in einem Heerlager voll hungriger Griechen: Er verspeiste ihn zum Frühstück.

"Na so was", sagte POK Wolsky.

Als nächstes versuchte er, ein Fernsteuerungs-Programm auf dem Laptop des Silver Surfers zu etablieren. Mit der Konsequenz, dass im Revier plötzlich sämtliche Lampen zu blinken anfingen, die Kaffeemaschine den aktuellen Brühvorgang cancelte und die Toilettenspülung auf Durchgang schaltete.

"Ganz schön ausgeschlafen, dieser Kerl", rief POK Wolsky, darum bemüht, das Rauschen zu übertönen.

"Aber nur, bis ich ihm eins mit dem Gummiknüppel übergezogen habe", knurrte Drombusch und erhob sich.

"Sitzen bleiben", befahl POK Wolsky. "Ihre Steinzeit-Methoden können wir nicht gebrauchen. Ich intensiviere die Online-Razzia."

Er versuchte, Zugriff auf die Webcam des Silver Surfers zu bekommen. Das klappte zunächst ganz gut. Auf ihrem Monitor sahen die Beamten Rudi den Rollstuhlfahrer, der sie angrinste. Dann griff er nach einem feuchten Lappen, wischte über die Linse und streifenweise verschwand das Bild vom Monitor.

Es war wie weggerubbelt.

POK Wolsky starrte konsterniert auf dem Bildschirm, der nur noch grauen Schnee zeigte. Als der Cyberkommissar den Rechner neu startete, erschien ein Surfbrett mit einem DSL-Stecker - das Logo des Silver Surfers.

Im nächsten Augenblick klingelte es an der Revierpforte. Gerda Hutschler, die Postfrau, stand draußen. Sie hatte ein Einschreiben dabei, das sie kaum heben konnte, weil viele gewichtige Stempel auf dem Umschlag prangten. Es war eine richterliche Verfügung, die den Behörden sämtliche Online-Übergriffe auf Rudi den Rollstuhlfahrer untersagte. Gerda Hutschler überbrachte auch noch Protesteilbriefe des Behindertenverbandes und des Rollstuhlsportvereins.

POK Wolskys Mund klaffte auf. "Also, das ist …"

"Rudi, der Silver Surfer", vollendete der Revierleiter den Satz. "So kennen wir ihn. Online ist ihm nicht beizukommen, nicht wahr, Horst?" Er wandte sich nach Drombusch um, aber der Wachtmeister war fort.

Drombusch polterte ins Seniorenheim, walzte durch den langen Gang im Erdgeschoss, hebelte die Tür zu Rudis Zimmer aus den Angeln und klemmte sich den Laptop des verdutzten Hackers unter die linke Achsel.

"Moment mal", protestierte Rudi. "Ich habe eine Verfügung gegen eure Online-Attacken."

"Meinetwegen", knurrte Drombusch. "Aber das hier ist eine Offline-Razzia."