|
(66) Invasion!
Mit einem Stapel kritzelfrischer Anzeigen unterm Arm polterte Drombusch ins Revier, knipste den Rechner an und wartete. In der Nacht hatte er sechs Fußgänger ohne Licht, drei rauchende Radfahrer sowie einen betrunkenen Baumpinkler erwischt und einen Mondsüchtigen in die Entzugsklinik eingewiesen. Jetzt musste er die Anzeigen nur noch im Computer erfassen, dann konnte er nach Hause gehen, ein paar Seiten im Hexenhammer lesen und sich eine Dienstmütze voll Schlaf genehmigen.
Aber der Rechner kam nicht aus dem Knick, oder, wie es vermutlich korrekt hieß, aus dem Start-BIOS.
Das war nicht neu, denn die Computer im Revier hinkten den Stand der Technik weiter hinterher als polnische Laster den TÜV-Standards. Heute Morgen jedoch sprang Drombuschs Rechner überhaupt nicht an. Der Wachtmeister drosch mit der Faust aufs Gehäuse, aber das brachte nichts, und er ahnte, dass es diesmal wirklich schlimm war.
Die Jungs vom Systemhaus kamen gegen Mittag, untersuchten den Computer und nickten. "Alles klar. Völlig logisch, dass hier nichts mehr geht."
"Ihr meint, es ist wegen Windows?" fragte Drombusch, der bei den letzten Rechnerinspektionen gut aufgepasst hatte.
"Nein. Das Gehäuse ist leer. Sehen Sie hier, die Abdeckung fehlt, die Grafikkarte ist fort, die Netzwerkkarte ebenfalls. Nicht einmal mehr das Mainboard ist da."
"Mainboard?" machte Drombusch.
"Grüne Platte, viele dünne Chips, ein dicker Prozessor, Lüfterrad."
"So eine ist mir gerade über den Weg gelaufen", informierte der Revierleiter, der in diesem Augenblick ausgeruht das Objekt betrat. Er wies durchs Fenster in Richtung LPG-Weg. Wenn man ein starkes Fernglas nahm, konnte man dort tatsächlich eine Hauptplatine sehen, die über den Plattenweg in Richtung Waldrand kroch.
Die Techniker kratzen sich am Kopf "Wie ist so etwas möglich?"
"Och", sagte der Revierleiter. "Mit Beinen natürlich."
"Verdammt!" Drombusch setzte abrupt den Feldstecher ab. Die gefürchtete kackbraune Waldameise war wieder unterwegs!
Die Art war berüchtigt dafür, dass sie Wanderern das Picknick stahl und dafür sorgte, dass streunende Hunde nie wieder nach Hause fanden. Einmal hatte Bauer Gottwald seine Heuwendemaschine am Waldrand geparkt. Als er wiederkam, hatte er nur noch gewendetes Heu, aber keine Maschine mehr vorgefunden.
Die kackbraune Waldameise schleppte alles weg, was nicht niet- und nagelfest war, und falls etwas niet- oder nagelfest war, schleppte sie zuerst die Nieten und Nägel fort.
"Verdammt", wiederholte Drombusch und rief Bernd Maulschläger an, den Naturschützer von Tief-Ost.
"Bei euch waren sie also auch schon", stöhnte Maulschläger. Seit Stunden empfing er einen Hilferuf nach dem anderen. Die Ameisen hatten in der Dorfbäckerei den Streuselkuchen mitsamt dem Blech geraubt, Bürgermeister Wortmanns Mobiltelefon verschleppt und Rudi dem Rollstuhlfahrer den Rollstuhl unterm Hintern wegmontiert. "Sogar in Tilos Saugbaracke sind sie eingebrochen", erklärte Maulschläger.
Tilo, genannt der Sauger, war ein niederträchtiger Raubkopierer, seine Technik aber war das höchste der Gefühle. Die Ameisen hatten nun auf ihre Weise für Gerechtigkeit gesorgt und Tilos nagelneuen Doppelkernrechner auseinander genommen.
"Was jetzt?" wollte Drombusch wissen.
Kackbraune Waldameisen waren anfällig für Flammenwerfer, aber eine Ameisenröstung durfte nur durch autorisiertes Naturschutzpersonal vorgenommen werden, und Bernd Maulschläger hatte erst gegen Abend Zeit.
"Seht es mal so", tröstete sie der Naturschützer. "Ameisen sind die Waldpolizei. Das sind gewissermaßen Kollegen von euch. Aber ihr könnt sie natürlich fürs Erste mit Rauch fernhalten."
"Scheiße", maulte POM Schröder. "Bis Bernd mit dem Flammenwerfer kommt, haben die Viecher unsere Kaffeemaschine geklaut."
Die anderen reagierten nicht. Drombusch redete leise auf den Revierleiter ein, bis der Chef nickte und Polizeianwärter Kowalke befahl, die Rauchgranaten aus der Rüstkammer zu holen.
"Oki-Doki", krähte der eifrige Kowalke. "Wo geht's hin?"
Drombusch nahm den Polizeianwärter mit zum Bucheckernweg, der von Tilos Saugbaracke zum Wald führte. Vier Stunden und ein Dutzend Explosionen später marschierten mehrere Kohorten Kackameisen ins Revier, die ein Mainboard, eine Grafikkarte, eine Netzwerkplatine und weitere Teile trugen, die zusammengebaut einen nagelneuen Doppelkernrechner ergeben würden. Eine dünne Rauchwolke wehte hinter ihnen her.
Drombusch salutierte. "Gute Arbeit, Kollegen."
|