REVIER TIEF-OST

(67) Schon GEZappelt?



Es war November. Herbstnebel kroch übers Land und machte, dass Drombusch miese Laune hatte. Manche Leute nannten es Novemberblues, aber Drombuschs Kollegen wussten es besser. Die Bilder aus der Radarfalle waren dieser Tage einfach viel zu verschwommen, um dem Wachtmeister Glücksgefühle zu bescheren.

Polizeianwärter Kowalke stolperte mit durchweichter Dienstmütze ins Objekt. Er war kreidebleich, als habe er einen Terrorflieger im Anflug auf das Revier gesehen. Aber das war's nicht. "Eddie Raffke", sprudelte Kowalke hervor. "Diesmal schleicht er um den Kindergarten!"

Eddie Raffke war ein zeckenartiger Mann mit dem Gesicht eines Frettchens, dem Charakter eines Wiesels und der Umtriebigkeit eines Hamsters im Laufrad. Bei den Menschen in Tief-Ost war er verhasster als Rapsänger, polnische Spargelstecher oder die Kerle, die Prinzessin Diana um den Tunnelpfeiler gewickelt hatten.

Denn Eddie Raffke war GEZ-Fahnder.

Nachts strich er um die Häuser, spähte durch Fenster, hangelte Dachrinnen entlang und seilte seinen Fotoapparat durch Kamine ab, immer auf der Suche nach empfangsbereiter Unterhaltungselektronik wie TV-Geräten, Radios oder batteriebetrieben Aufblaspuppen. Und seitdem die GEZ Gebühren auf Computer erheben durfte, fühlte sich Eddie Raffke als König der Kassierer.

Lediglich beim Versuch, das Polizeirevier einer Sichtprüfung zu unterziehen, hatte er bislang nur Niederlagen einstecken müssen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen war er jetzt auf einen neuen Dreh verfallen: Er beging Straftaten, um verhaftet zu werden. Saß er einmal in der Zelle, so Raffkes Plan, würde er einen Blick auf die Revierrechner erhaschen, und dann wären die Beamten geliefert.

In den zurückliegenden Tagen hatte Eddie Raffke Naziparolen an Häuserwände geschmiert, war mit seinem Golf GTI durch die verkehrsberuhigte Zone am Rathaus gebrettert und hatte die Sparkasse überfallen. Ohne Erfolg.

Eine Parole mehr oder weniger fiel in Tief-Ost nicht ins Gewicht, im November führte die örtliche Polizeidienststelle aus wettertechnischen Gründen keine Radarkontrollen durch, und die Sparkasse war leer gewesen, weil niemand in der Region über ein Sparguthaben verfügte.

Doch wenn Eddie Raffke nun um den Kindergarten schlich, konnte das nur bedeuten …

"Er wird ein Kind entführen und es zwingen, widerwärtige Dinge zu tun", sagte Kowalke, noch immer blass wie eine exhumierte Frauenleiche.

"Du meinst, er lässt sein Opfer mit GEZ-Formularen rummachen?" wollte Drombusch wissen. Im Hintergrund schreckte POM Schröder röchelnd aus dem Vormittagsschlaf.

"Wenn wir diesmal nicht eingreifen, werden Unschuldige zu Schaden kommen", drängte Kowalke.

"Das glaube ich nicht", erwiderte Drombusch, aber der Revierleiter wollte kein Risiko eingehen und schlug vor, sich die Sache wenigstens aus der Ferne anzusehen, wie sie es bei den Fußballschlachten zwischen den Anhängern des FC Abwärts Tief-Ost und Chemieunfall Leipzig oder Havarie Cottbus machten.

Sie hörten den Lärm schon von Weitem.

Kinderkreischen. Die dumpfen Geräusche stumpfer Gewalt. Hervorgesprudelte Befehle einer überforderten Erzieherin.

Eddie Raffke lag im Gras unter dem Kletterturm, auf dem ein halbes Dutzend Kinder herumturnten, die dem GEZ-Fahnder abwechselnd auf den Bauch sprangen. Vor seinem Gesicht hatte sich ein kleines Mädchen mit großen Zöpfen aufgebaut, das schrill quiekte, bis Raffkes Augäpfel vibrierten.

"Brave Kinder", lobte Drombusch. "Sie wenden das volle Präventionsprogramm an, das ich vorige Woche mit ihnen durchgenommen habe."

Der Wachtmeister hatte seinen Schützlingen drei Regeln beigebracht - und eine Zusatzregel.

Regel Nummer eins: Traut keinem Fremden! Regel Nummer zwei: Wenn ihr einen seht, schreit, so laut ihr könnt! Regel Nummer drei: Wenn ihr allein seid, lauft weg!

Die Zusatzregel lautete: Falls ihr in Überzahl seid, zeigt gefälligst ein bisschen Zivilcourage und macht ihn alle!

Der GEZ-Fahnder zappelte wie ein Regenwurm unter einem Profilstiefel, aber die Kinder kannten kein Erbarmen. Kai-Olaf Grunzenhauser, der kleine Bruder von Gunnar Grunzenhauser, dem Abiturabbrecher, nahm Anlauf und schoss Eddie Raffke eine ungeschälte Kastanie genau zwischen die Augen. Zuhause zockte er mit seinem Bruder bloodgepatchte Egoshooter am Computer. "Vergiss es", schrie er immer wieder. "Vergiss es!"

Eddie Raffke stöhnte. Drombusch lächelte.

Zum ersten Mal seit Herbstanfang war der Wachtmeister zufrieden. Denn was hatte er den Familien am Elternabend eingebläut?

Macht eure Kinder stark, damit sie Nein sagen können.