REVIER TIEF-OST

(68) Die Weihnachtsbande



24. Dezember, Heiligabend. Die Telefone im Revier Tief-Ost bimmelten wie Kirchenglocken in einem Alpen-Gau. Der Revierleiter stöhnte, denn er war allein im Objekt, wenn man von POM Schröder absah, der vor Stunden in der Küche verschwunden war, wo er Stollen schnitt und nach der letzten Kaffeefiltertüte fahndete, die irgendwo untergetaucht sein musste.

"Ich wollte, es wäre stille Nacht oder der Wachtmeister käme", murmelte der Revierleiter. Aber Drombusch war im Einsatz. Zusammen mit Polizeianwärter Kowalke machte er die Straßen unsicher, damit die Menschen in Tief-Ost ruhig schlafen konnten. Und die Telefone bimmelten und bimmelten und bimmelten, und der Anrufbeantworter sprang nicht an, weil sein Stecker und die Buchsen in den Fernsprechern inkompatibel waren.

Entnervt nahm der Revierleiter einen Hörer ab. Eine schrille Frau war dran. Sie vermisste ihren Mann. "Wahrscheinlich ist er Zigaretten holen gegangen", sagte der Revierleiter.

"Er ist seit einer Stunde überfällig!"

Genau das meinte der Revierleiter. Viele Ehemänner verschwanden um Weihnachten herum, damit sie an Neujahr nochmal von vorne anfangen konnten.

"Nein, nein", beharrte die Frau. "Er wollte die Geschenke für die Kinder bringen. Eine Xbox und einen Nintendo. Er hat eine große Glocke dabei, damit er sich wie der Weihnachtsmann anhört, und einen roten Mantel, damit er so aussieht, und eine Weidenrute …"

"Verstehe", unterbrach der Revierleiter den Redeschwall. "Es soll sich auch echt anfühlen für die Kinder."

Er dachte nach. "Vielleicht hat Ihr Nachbar den Fußweg nicht geräumt, und Ihr Mann steckt im Schnee fest. Nachbarn können eine echte Plage sein." Er legte auf. Sollte die Frau doch einfach mal dem Glockengebimmel nachgehen. Er verdrehte die Augen.

Im Revier klang es noch immer, als säße in jedem Telefon ein havarierter Weihnachtsmann. "Herrgott!" Er griff nach einem anderen Hörer.

Wieder eine aufgeregte Hausfrau ohne Ehemann. Dieser hatte in einem Rentierschlitten vorfahren wollen, um seinen Kindern einen i-Pod und ein i-Phone zu bringen.

"Vermutlich steht er im Stau", schlug der Revierleiter vor. "Unser Räumdienst macht Winterferien, wissen Sie? Und machen Sie sich keine Sorgen wegen dieses Ei-Zeugs. Bis Ostern sind die Straßen wieder frei!"

Er warf den Hörer auf die Gabel und rannte zum Funkgerät, das in diesem Moment losknisterte.

Drombusch war dran. Es hörte sich an, als spreche er aus dem Innern eines Eiswürfelspenders. Wahrscheinlich war die Antenne vereist. Der Revierleiter verstand nur, dass es später werden würde. Drombusch und Kowalke waren einer großen Sache auf der Spur. Was redete er da? Organisierte Genialität? Unmöglich, so etwas gab es nicht in Tief-Ost. Wohl eher organisierte Kriminalität.

"Ok", rief der Revierleiter ins Mikrofon und hastete zu den Telefonen zurück, die mittlerweile wie eine amoklaufende Herde Hangkühe klangen. "Was ist?"

Noch ein überfälliger Familienvater. Er hatte für seinen Sohn einen DVD-Brenner stilecht durch den Kamin abseilen wollen. Der Revierleiter seufzte. So zog sich die Gesellschaft die nächste Generation Raubkopierer heran.

"Haben Sie im Schornstein nachgesehen? Womöglich hängt Ihr Mann da mitsamt seinem Brenner und wird gegrillt." Er musste den Hörer jetzt einen halben Meter neben das Ohr halten. "Nein, wir können keine Streife losschicken, die nach Ihrem Mann sucht. Dazu ist er noch nicht lange genug fort. Rufen Sie Silvester nochmal an!"

Der Revierleiter atmete durch. Na also, das war erledigt. Zu Silvester hatte Kowalke Dienst.

Er holte POM Schröders alte Felldienstmütze und legte sie über eins der Telefone. Sofort wurde es leiser. Dann schaute er, ob sie ein paar Kaffeewärmer im Revier hatten. Es waren keine da, aber die toten Katzen, die Kowalke an der Bundesstraße aufgelesen hatte, taten es auch. Der Polizeianwärter war noch nicht dazugekommen, die Besitzer zu benachrichtigen. Das würde er an den Weihnachtsfeiertagen nachholen müssen.

Als die Katzen auf den Telefonen lagen, zog Ruhe ein.

Zumindest für eine Stunde. Dann wehten Drombusch und Kowalke zusammen mit einem Schwall kalter Luft und einer Wolke nadelspitzer Eiskristalle zur Tür herein. Ihr Auftritt glich einer Klimakatastrophe.

Kowalke trug die Arme voll bunter Pakete, Drombusch schubste ein halbes Dutzend protestierender Männer in den Zellentrakt.

"Was ist los, Horst?", wollte der Revierleiter wissen.

"Hightechschieber", knurrte der Wachtmeister. "Schleichen da draußen durch die Nacht. Wir haben allerlei elektronischen Kram bei ihnen sichergestellt." Er zeigte auf die Verdächtigen, die allesamt Rot trugen. "Fällt dir etwas auf, Chef?"

"Nun ja, Horst, ich fürchte, das sind …"

Drombusch nickte selbstzufrieden. "Genau! Sie sehen alle gleich aus. Die sind als Bande vorgegangen! Organisierte Kriminalität."

Der Revierleiter nickte schicksalsergeben. Er hatte ja schon geahnt, dass es nicht um Genialität ging.