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(69) Stirb langsam
Es war Silvester in Tief-Ost. Matsch regnete vom Himmel, Wind heulte ums Objekt, und Polizeianwärter Kowalke hatte Dienst. Die 192-Stunden-Schicht, die zu Weihnachten begonnen hatte und erst im neuen Jahr enden würde. Falls alles klappte.
Aber Kowalke war nicht frustriert. Er lümmelte im Chefsessel herum, warf gebrannte Mandeln in die Luft, fing sie mit dem Mund auf und stellte sich vor, es seien gebratene Tauben. Er war allein im Revier und hatte das Sagen. Keiner verlangte von ihm, den Rechner hochzufahren. Es war eine gute Zeit.
Als die Tür aus dem Rahmen flog und ein Kugelblitz explodierte, kippte Kowalke hintenüber. Instinktiv rollte er sich unterm Schreibtisch zu etwas zusammen, das entfernt an ein Pantoffeltierchen in einem Teller Ursuppe erinnerte.
Drei Tannenbäume stürmten ins Revier. Kowalke brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, dass es sich um Männer in Schneetarnanzügen handelte, die sich Reisig um den Bauch gebunden hatten. Sie hatten Bärenfotzen auf den Köpfen. Einer war mit einer Kalaschnikow bewaffnet, der zweite mit einer Wodkaflasche. Der dritte hatte einen Dietrich in der Hand. Kowalke kannte den Mann aus dem deutschen Fahndungsfernsehen, aus Sendungen wie XY…knapp entwischt, Kripo - selbst zu blöd, oder M - Eine Stadt jagt einen Parksünder. Es handelte sich um Igor Datschenko, den Juniorpaten der sibirischen Mafia!
"Kolja, der Rechner!" befahl Datschenko. Kowalke ahnte, worum es ging. Fürs neue Jahr hatte sich Drombusch vorgenommen, den Sibirier aus dem Verkehr zu ziehen. Den Grundstein hatte er kurz vor den Weihnachtsfeiertagen mit einer siebenfach gestaffelten Radarfalle gelegt, in die Datschenko mit 140 Sachen hineingerasselt war. Siebenmal drei Punkte, das reichte fürs Erste. Doch nun war der Juniorpate gekommen, um die Beweise zu löschen.
Der Mann mit der Flasche fuhr den Computer des Revierleiters hoch, stöpselte einen Pocket-PC an und versuchte, das Passwort zu knacken. "Scheiße", murmelte er. "Die haben noch USB 1.0. Das dauert Stunden."
"Versuchs mit der Schreibtischschublade", zischte Datschenko. Sie fanden den Zettel, den der Revierleiter dort deponiert hatte: Passwort: Blinker. Achtung! Streng geheim! Nur durch den Chef zu nutzen! Aber natürlich hatten die Mafiatypen keinen Respekt vor amtlichen Verfügungen.
Der Rechner ging an. Sie waren im System. Der Mann mit der Flasche kratzte mit einem Stift auf dem Display seines Pocket-PCs herum. Er fluchte erneut. "Mein Gerät wird nicht erkannt, die haben Windows Servicepack 2 installiert."
"Dann loggst du dich eben von Hand ein."
Finger tanzten über die Tastatur des Revierleiters. Es klang wie eine dreibeinige Ratte auf der Flucht.
"Ich hab's, Igor", sagte der Mann mit der Flasche. "Dein Sündenregister. Das musst du dir ansehen. Ich drucke es aus."
Datschenko befahl dem Mann mit der Kalaschnikow, zum Drucker zu gehen. Kowalke wusste, was nun kommen würde. Der Drucker spann seit Wochen herum. Erst klemmte er das Papier ein, und wenn man dann zwischen die Rollen griff, um den Stau zu beseitigen …
Ein Schrei aus der Dienststube signalisierte ihm, dass der bewaffnete Mann jetzt mit mindestens einer Hand im Drucker festklemmte. Wenn er je wieder freikam, waren seine Fingerkuppen schwarz und konnten gleich erkennungsdienstlich erfasst werden.
Während sich die beiden verbliebenen Sibirier verwundert ansahen, zog Kowalke das Netzwerkkabel und band die Füße des Flaschenmannes am Drehsessel fest. Dann rammte er seinen Kugelschreiber in den Lüfter des Rechners. Der Motor ächzte, die ersten Chips sonderten Qualm ab.
Als sich Datschenko bückte, um nachzusehen, zog Kowalke den Stift heraus.
Whoff! Ein Geräusch wie ein asthmatischer Bernhardiner. Datschenko bekam den Staub von Jahren ins Gesicht. Er war durchsetzt mit Locherkonfetti, Uniformabrieb und Provinzmief.
Der Mann mit der Flasche sprang wie von einer Tiefost-Mücke gestochen hoch, stolperte und fiel mitsamt dem Drehstuhl nach vorn über den Schreibtisch. Die Flasche kippte über die Kante und schlug den Juniorpaten k.o.
Yippiyayee, dachte Kowalke.
Da sollte der Polizeipräsident nochmal behaupten, sie wüssten mit ihrer Technik nichts anzufangen.
In Anlehnung an die Originaltitel der Stirb-Langsam-Filme mit Bruce Willis sollte diese Geschichte eigentlich "Die Hard(ware)" heißen. In Lautschrift: Dei Hardwär (statt Dei Hard). Aber Sie merken schon: Schriftlich kommt der Gag einfach nicht rüber, man liest immer nur "Die Hardware".
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