REVIER TIEF-OST

(70) Blitzkrieg VII



Das neue Jahr war keine vier Wochen alt, aber Polizeianwärter Kowalke konnte bereits spüren, dass es sein bestes Jahr bei der Polizei werden würde. Auf Befehl von ziemlich weit oben hatte er seine im Vorjahr requirierte Playstation 3 ins Revier verlegt, der Steuerzahler hatte ihm Mario Kart Extreme für 69,95 spendiert, und sein Tagesbefehl lautete: Zocken, bis der Bleifuß schmilzt!

Kowalke war so high, wie es sonst nur die erfolgreichsten Beamten des Drogendezernates waren, aber er vergaß keine Sekunde, wem er alles zu verdanken hatte.

Wachtmeister Drombusch.
Den Bürgern der schönen Region Tief-Ost.
Und Heinz Ficker, dem Tiefenpsychologen.
Ungefähr in dieser Reihenfolge.

Mit Drombusch hatte alles angefangen, wobei man ebenso behaupten konnte, dass Drombusch mit allem angefangen hatte.

Gemäß seiner Neujahrsgrundsätze hatte der Wachtmeister die Verkehrskontrolltätigkeit mit Beginn des neuen Jahres verschärft. Niedrigere Tempolimits, höhere Bußgelder. Mehr Blitzer, weniger Messtoleranz und keinerlei Gnade. Drombusch verdoppelte die Zahl der mobilen Kontrollen und halbierte die Zahl der Dienstpausen, was unterm Strich eine Verdreifachung der Knöllchenfrequenz brachte.

Geblitzt wurde nicht nur, wer zu schnell oder zu langsam fuhr, sondern auch, wer am Steuer rauchte, seinen Gurt nicht gewachst hatte oder an sein Handy dachte.

Die Verkehrssündenerkennungssoftware, die das leistete, stammte von den Jungs vom Systemhaus, die selbst staunten, wie gut alles klappte. Wenn der Normalbürger einen Scanner bei ihnen kaufte und in seinen Computer stöpselte, brach Windows zusammen wie ein Mastrind in der Bolzenschussanlage. Aber so etwas Kompliziertes wie ein kombinierter Duft-, Denk- und Temposcanner funktionierte auf Anhieb. Das Geheimnis lag vermutlich darin, dass die Software nicht für den Normalbürger gemacht worden war, sondern gegen ihn.

Die neuen Blitzer lösten sogar dann aus, wenn jemand vor einem Parkscheinautomaten stand und unwillig die Stirn runzelte.

Drombusch war in seinem Element. Getreu seinem Motto, dass blitzen Krieg war, brummte er nur noch von Bußgeldoffensiven, Paragrafenbegradigungen und flankierenden Kontrollvorstößen, die der StVO zum Endsieg verhelfen sollten. Ende des Monats waren die Autofahr- und Parkbedingungen in der Region Tief-Ost so unerträglich geworden, dass die Menschen in Scharen über den großen Fluss nach Polen schwammen.

Andere suchten Zuflucht in der Kirche, wo sie sich bei Pfarrer Müller Sünden- und Bußgelderlass erhofften und um einen Stellplatz auf Kirchengrund bettelten.

Schließlich kam der Tag, an dem der Tank überlief. Geschundene Verkehrsteilnehmer bildeten spontan eine Rotte und zogen vors Revier. Lautstark skandierten sie: Wir sind die Fahrer!

Der Revierleiter spähte überrascht aus dem Fenster. "Kann jemand erkennen, was auf diesem Spruchband dort steht?"

"Ich glaube, es heißt Drombusch in die Mordkommission! " POM Schröder war bleich wie der Bauch eines sterbenden Karpfens. Er war früher ABV gewesen und hatte die letzte Revolution nur knapp überlebt.

Von draußen dröhnte es: Wir parken hier!

Da der Revierleiter kaum genug Stellplätze für seine eigenen Leute hatte, versprach er den Bürgern, sich um das Problem zu kümmern, was hieß: Er reklamierte die Sündenerkennungssoftware, reduzierte die Zahl der stationären Blitzgeräte um 87 und verständigte Heinz Ficker. Der Tiefenpsychologe diagnostizierte bei Drombusch ein übersteigertes Unrechtsempfinden, gepaart mit Tempokontrollzwang und Regelwutausbrüchen. Er entwickelte eine Therapie, die Drombuschs Aggressionen kanalisieren sollte.

Kowalke durfte seine Playstation mit zur Arbeit bringen und die ganze Dienstschicht lang Mario Kart Extremespielen. Der Wachtmeister saß neben ihm und versuchte, den fetten Klempner mit Plastikpfeilen zu treffen, die vorne einen Saugnapf hatten und wie eine übermotivierte Tiefseemolluske schmatzten, wenn sie die Mattscheibe trafen.

"Nimm das, du perverses Raserschwein", knurrte Drombusch. "Du heizender Affenarsch, du gurtloser Ochse!"

Ja, Kowalke spürte, das würde ein tierisch gutes Jahr werden.