REVIER TIEF-OST

(71) Coldline


Nach vielen Jahren Wartezeit und einer Vierteltonne vergebens ausgefüllter Antragsformulare sollte das Revier Tief-Ost endlich einen neuen Drucker bekommen. Der Ausdruck der jüngsten Dienstanweisung aus dem Polizeipräsidium war derart verschmiert gewesen, dass Wachtmeister Drombusch einen schläfrig aussehenden Südländer abgeschossen hatte. In dem Befehl war freilich nur die Rede von abschieben gewesen. Doch nun war auch dem letzten Bürokraten klar, dass der alte Viernadeldrucker des Reviers gemeingefährlich war.

Außerdem hatte das Druckerkabel einen Knick, weil Polizeianwärter Kowalke vor ein paar Wochen einen sibirischen Mafioso damit gewürgt hatte.

Das neue Gerät war ein Vierfarb-Laserdrucker mit Kopierer, Telefax und Klammeraffe, mit Funknetzwerkanbindung und eigener Papierherstellung. In Anbetracht des exorbitanten Anschaffungspreises vermutete Drombusch, dass man mit dem Laser auch außerirdische Raumschiffe abschießen konnte. Doch schon wenige Stunden nach dem Auspacken wurde klar, dass das Revier einer Invasion aus dem All hilflos ausgeliefert war.

Polizeianwärter Kowalke kam schnaufend unter dem Druckertisch hervorgekrochen. "Houston, wir haben ein Problem."

"Ich heiße nicht Houston", stellte der Revierleiter richtig. Der Drucker gab trotzdem keinen Mucks von sich.

"Halb so wild", meinte der Revierleiter. "Horst, schau doch mal im Handbuch nach."

Das Druckerhandbuch erinnerte an einen Spiralblock, aus dem jemand sämtliche Seiten bis auf eine herausgerissen hatte. Auf der verbliebenen Seite stand, das vollständige Handbuch werde auf einer CD nachgeliefert. Darüber hinaus fand sich der Hinweis, dass die Jungs vom Systemhaus, die den Drucker geliefert hatten, einen 24-Monats-Service garantierten. Darunter stand eine Telefonnummer.

"Alles klar", sagte der Revierleiter. "Das ist eine Hotline. Horst, ruf gleich mal an."

Drombusch wählte.

Am anderen Ende erklang Musik. Irgendein Duett von Blondie und Pink mit Roy Black, Roberto Blanco und Florian Silbereisen als Hintergrundchor.

Drombusch blieb trotzdem dran.

Nach der dritten Wiederholung meldete sich eine kratzige Tonbandstimme: Bitte geben Sie den Grund Ihres Anrufs an. Die Stimme klang, als sei sie seit der Erfindung des Magnetbands in Betrieb.

"Drucker kaputt", artikulierte Drombusch.

Sie können uns auch über das Internet kontaktieren, sagte die Stimme.

"Will ich nicht", brummte Drombusch.

Entschuldigung, aber das war keine gültige Eingabe.

Grunzend legte Drombusch auf und wählte neu.

Diesmal sangen Plastic Bertrand und Heino eine Beatles-Cover-Version: "Hoch auf der Yellow Submarine".

Drombusch schwollen die Hämorrhoiden, aber er hielt durch. Als er diesmal nach dem Grund seines Anrufes gefragt wurde, erklärte er schlau: "Internet kaputt."

Die Stimme knisterte: Sie können Ihr Anliegen auch aufschreiben, ausdrucken und an folgende Adresse schicken

Der Wachtmeister fluchte.

Das war keine gültige Eingabe, tadelte ihn die Stimme

"Ich krieche gleich durch die Leitung und zerre dich aus deinem Kabuff", grollte Drombusch.

Das brachte den Sprachcomputer aus dem Konzept. Ich verbinde Sie gleich mit dem einzigen freien Mitarbeiter. Bitte halten Sie Ihre Kundennummer bereit!

Drombusch kannte nur seine Dienstnummer, aber das behielt er lieber für sich.

"Ja?" meldete sich eine verschlafene Männerstimme. Der einzige Mitarbeiter schien noch nicht ganz wach zu sein.

"Unser Drucker ist im Arsch", brummte Drombusch.

"Warten Sie, ich suche Ihnen die Notarztnummer raus."

Drombusch tobte. Er schrie in den Hörer, wenn der neue Drucker Scheiße sei, liege das einzig und allein am Systemhaus. "Sie bieten 24 Monate Service, also schieben Sie Ihren Hintern ins Revier!"

Der Mann gab nach. "Okay, schon gut. Ich merke Sie vor. Wir stehen zu unserem Wort. 24-Monats-Service: In spätestens zwei Jahren sind wir bei Ihnen."

In der Leitung machte es Klack.

"Ich sehe schon", meinte der Revierleiter resigniert. "Das war keine Hotline, sondern eine Coldline. Unseren Drucker können wir erstmal vergessen."

"Abwarten", knurrte Drombusch. Ihm war etwas eingefallen. "Das ist ein Laserdrucker, richtig?"

24 Minuten später wurde der Geschäftsführer des Systemhauses wegen Vorbereitung eines Weltraumkrieges in U-Haft genommen. Das U, belehrte ihn Drombusch, stehe für ununterbrochen. Er könne aber gerne einen seiner Mitarbeiter ans Revier überstellen. Das nenne man Ersatzhaft. Sie erstrecke sich üblicherweise über 24 Jahre.

So kam es, dass das Revier Tief-Ost einen Notfalltechniker bekam, der immer greifbar war. Die Beamten mussten einfach nur Zelle Nummer drei aufschließen.



Die Zeitungsfassung hatte einen völlig anderen Schluss als die hier veröffentlichte Originalversion der Geschichte. Sie endete bei dem Versprechen des Systemhauses, binnen 24 Monaten vorbeizuschauen. Die Männer vom Revier-Tief-Ost standen als Verlierer da. Aber wie ich die Handlung auch zu kürzen versuchte - es reichte einfach nicht, um die Geschichte zu Ende zu erzählen und unsere Polizisten gewinnen zu lassen.

Meist fehlen in den gekürzten Zeitungsfassungen nur einige (na ja, viele) Gags, oder eine Figur, die am Rande erwähnt wird, verschwindet ganz aus der Handlung. POM Schröder etwa ist davon sehr häufig betroffen. Diesmal aber musste die Geschichte mittendrin abgebrochen werden und bekam so einen völlig anderen Schluss. Alles nur aus Platzgründen.