REVIER TIEF-OST

(72) Card Collectors



Kritiker warfen der Polizei häufig vor, planlos zu agieren. Das Revier Tief-Ost stand ganz oben auf der Schwarzliste. Zu Unrecht. Die Beamten hatten sehr wohl einen Plan, sogar einen drastischen. Es handelte sich um einen Sparplan, und der Revierleiter hatte befohlen, ihn zumindest in der ersten Jahreshälfte strikt einzuhalten, bis man wusste, wo man stand.

So kam es, dass POM Schröder sein Klopapier von zuhause mitbringen musste, es Polizeianwärter Kowalke streng verboten war, sein Handy in der Reviersteckdose aufzuladen und Wachtmeister Drombusch Flüchtigen nicht mehr in den Rücken schießen durfte, weil mannstoppende Munition ein Heidengeld kostete.

Nur der Chef durfte weiterhin den ganzen Tag lang im Internet surfen, denn im Zuge der Sparmaßnahmen hatte sich das Revier eine Flatrate zugelegt.

"Was für ein Ding?", hatte Drombusch gefragt.

"Flatrate ist ein englisches Wortspiel aus Flach und Rate", erklärten die Jungs vom Systemhaus. "Das heißt also: Sie zahlen eine sehr niedrige Rate."

Drombusch hatte genickt. Es ging demzufolge um das Gegenteil seines privaten Sofakredits. Da hatte er eine Fatrate.

Große Hoffnung setzten die Beamten auch auf den exzessiven Gebrauch von Rabattkarten. Sie besaßen Karten von Max Dinkel, dem Bäcker (Jede 500. Semmel zum halben Preis! ), Peter Hacke, dem Fleischer (Jede 1000. Knackwurst mit doppelt Knoblauch! ) und Gerda Hutschler, der Postfrau (Verschicken Sie 10.000 Strafbefehle, und ich schenke Ihnen ein exklusives Stempelkissen! ).

Drombuschs Schreibtischkasten quoll von Stempelkissen über.

Der Revierleiter hatte bereits eine Bonuskarte bei Harry Tisch (jr.), dem Schreiner, beantragt. Für eine Bestellung über zehn Festmeter Büromöbel machte dieser immerhin einen handgedrechselten Bleistifthalter locker.

An dem Morgen, als der gemeingefährliche Raubkopierer Tilo der Sauger aus der Beugehaft entkam, fuhren Drombusch und Kowalke zur Tankstelle, um den Dienstgolf der alljährlichen Frühjahrsflottmachung zu unterziehen.

Sie hatten den Wagen durch die Waschanlage rollen lassen, die Luft aufgepumpt und in der Selbstbedienungs-Werkstatt die Sommerreifen aufgezogen. Kowalke tankte voll. Drombusch ging derweil zum Kaffeeautomaten und zapfte zwei Styroporbecher Luxusröstung.

"Was macht das?" fragte er.

Richard Dankward, der Tankwart, sah auf die Kasse. "99,99, aber ihr habt ja Rabattkarten."

Brummend zog Drombusch die Kunstledermappe mit den Sparunterlagen des Reviers aus der Jacke. Sie wog mehr als die Sturmausrüstung eines SEK-Beamten.

Für die Benutzung der Waschanlage gab es entweder einen Badeschwamm in Form einer Schildkröte sofort oder eine Sammelmarke. Für 100 gesammelte Sammelmarken hatten sie eine Unterboden-Glanzpolitur frei.

"Da ihr auch in der Werkstatt wart, könnt ihr die Rabatte natürlich kombinieren", erklärte der Tankstellenpächter.

Für den Gebrauch der Werkstatt wurde wahlweise eine Tube Handwaschpaste zum Einkaufspreis ausgereicht oder (bei Kombination mit einer Autowäsche) der Mehrwertsteueranteil des verursachten Abwassers um zweieinhalb Prozentpunkte reduziert und beim nächsten Einkauf aus der Preiskalkulation entfernt.

Drombusch schwirrte der Kopf.

Kowalke kam angehastet. "Schnell, der Sauger ist ausgebrochen. Wir sollen uns ranhängen."

"Moment noch." Drombusch hantierte mit den Rabattkarten. Waschkarte, Werkstattkarte, Kaffeekarte. Denn wer an der Tankstelle regelmäßig Kaffee tankte, sammelte Punkte für ein hochwertiges Sammeltassen-Set, in das kostenlos Wunschnamen eingebrannt wurden.

Dem Pächter fiel etwas ein. "Wenn ihr nachher noch den Staubsauger benutzt, kann ich euch ausnahmsweise alle Rabatte zusammenschmeißen, und den Gegenwert von der Benzinrechnung abziehen. Ist eine einmalige Sonderaktion. Gilt nur diesen Monat, und auch nur weil Mittwoch ist."

Draußen gestikulierte Kowalke hektisch durch die Scheibe. Tilo, der Sauger, entkam. Aber Drombusch dachte an den Spar-Befehl des Chefs, und entschied sich erstmal für den Staub-Sauger.

"Okay", sagte der Pächter. "Du musst jetzt bloß noch diesen Antrag ausfüllen, dann kriegst du deine Bonuskarte für den Staubsauger."

Drombusch zückte den Stift und machte Kowalke ein Zeichen, schon mal den Motor anzulassen.

"Wenn ihr eure Kaffeebecher beim nächsten Mal wieder mitbringt und wiederverwendet, kann ich euch 0,341 Cent pro Füllung abziehen", informierte der Pächter. "Ist ein Umweltrabatt." Er reichte Drombusch ein Stempelkärtchen aus walgrauer Recyclingpappe.

"Na gut, aber was sparen wir denn diesmal?" wollte Drombusch ungeduldig wissen.

Richard Dankwart tippte Zahlen in seinen Rechner. "Das macht dann nur noch 99,95. Nicht schlecht, was?"

Draußen röhrte der Dienstgolf auf. Drombusch hielt dem Pächter die EC-Karte des Reviers hin.

"Geht noch nicht. Wir müssen erst eure Rabattkarten in der richtigen Reihenfolge einscannen."

Waschkarte, Werkstattkarte, Kaffeekarte und die neue Staubsaugerkarte. Allerdings in der Reihenfolge Werkstattkarte-Waschkarte-Staubsaugerkarte-Kaffeekarte, damit auch wirklich alle Kombi-Rabatte griffen.

Auf der Werkstattkarte waren ein paar Fettfinger, aber Richard Dankwart konnte Drombusch ein ultraeffektives Microfasertuch veräußern - zusammen mit einer Rabattkarte für Reinigungstextilien (Freuen Sie sich schon heute auf Ihr Treuegeschenk: Ein Microfaser-T-Shirt Größe XXL! )

Drombusch verstaute die Karten hastig im Futteral und eilte nach draußen, wo Kowalke schon die Räder rotieren ließ. Zum Glück besaßen sie eine Reifenrabattkarte.

Sie kurvten eine halbe Stunde in der Landschaft herum, dann kam die Durchsage, dass Tilo der Sauger an der Kasse von Mikromaxxx, dem Superbilligpeinlichmarkt, geschnappt worden sei, wo er DVD-Rohlinge kaufen wollte.

Stattdessen wurde eine neue Fahndung ausgelöst: Es ging um einen grünweißen Golf, besetzt mit zwei Personen, die an einer Tankstelle ohne Benutzung ihrer Bezahlkarte davongefahren waren.