REVIER TIEF-OST

(73) Das fliegende Auge



Gigantische Ereignisse stülpten ihre Schatten über die Region. Der FC Abwärts Tief-Ost war ausgelost worden, um im DFB-Pokal gegen Bayern München anzutreten!

"Die Bayern kommen", sagte der Revierleiter.

POM Schröder, der Revier-Oldie, humpelte augenblicklich zur Rüstkammer, um sich auf eine weitere imperialistische Aggression vorzubereiten.

In der Tat rechnete die Polizeiführung mit hohen Verlusten: explodierende Papierkörbe, tieffliegende Bierflaschen und großflächige Hämatome infolge Hooligan-Einwirkung.

"Beim Fußball kann Gewalt im Handumdrehen eskalieren", erläuterte der Chef.

"Ich weiß", brummte Drombusch.

Beim Spiel des FC Abwärts gegen Chemieunfall Leipzig hatte er einem Rasenparker das Handgelenk verdreht, um ihm den Zündschlüssel wegzunehmen.

Woraufhin die Freunde des Delinquenten lautstark protestierten. Drombusch, der gerade ein Bündel Kabelbinder zur Hand hatte, verhaftete alle.

Woraufhin die Familien der Festgenommenen ihre Anwälte mobil machten. Die Rechtsverdreher polterten ins Revier, wo Drombusch zufällig zwei Dosen Pfefferspray in den Händen hielt.

Woraufhin die Kanzleien der Anwälte den Polizeipräsidenten einschalteten. Als dieser das Revier betrat, hatte Drombusch seine Dienstwaffe in der Hand. Die Pistole war zum Reinigen zerlegt, aber Drombusch war dafür bekannt, dass er sie im Handumdrehen zusammenbauen konnte.

Der Revierleiter musste persönlich intervenieren und seinem Wachtmeister beschwichtigend die Hand auf den Unterarm legen, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Um der erwarteten Fußball-Randale entgegentreten zu können, wurde dem Revier ein SensoCopter 3.0 überstellt. Der Revierleiter, der sich seit langem einen modernen Kaffeepad-Automaten wünschte, war von der Maßnahme sehr angetan. "Wir werden hier sitzen und Kaffee mit Schaum trinken, bis etwas passiert", kündigte er an.

Es stellte sich jedoch heraus, dass der SensoCopter eine Polizeidrohne war - ein Minihubschrauber mit Fernsteuerung zum Einsatz im Nahbereich, bestückt mit Schnellfeuerkameras, hochauflösendem Video tränenauslösendem Reizgas und einer Gummikugelkanone mit 300.000 Schuss.

"Voll krass", jubelte Polizeianwärter Kowalke

"Ach so", murrte der Chef.

Am Tag des historischen Fußballspiels passierte zunächst wenig. Die Bayern zauberten und die Schlachtenbummler aus Tief-Ost sahen ihnen mit offenem Mund zu. Die Spieler des FC Abwärts schlossen sich an.

"Hoeneß verrecke!" brüllte Bodo Kotzlowski, der Neonazi von Tief-Ost. Aber dagegen war nichts einzuwenden. Zur Halbzeit stand es 5:0 für die Bayern.

"Oh, Mann", stöhnte der Revierleiter. "Die machen uns platt. Das muss sich doch irgendwie verhindern lassen."

Drombusch zuckte mit den Schultern. "Gegens Plattmachen sind wir doch hier, Chef."

Direkt nach Wiederanpfiff wurde der quirlige Franzose Franck Ribery durch Franz Axt, den Vorstopper des FC Abwärts, im Strafraum gefällt. Der Schiedsrichter riss die Pfeife hoch, doch der Pfiff blieb aus. Irgendetwas hatte dem Mann in Schwarz die Pfeife aus dem Mundwinkel gerissen.

"Noch 299.999 Schuss", gab Polizeianwärter Kowalke am Spielfeldrand einen Statusbericht durch.

Der schneidige Italiener Luca Toni rannte allein auf Uwe Gähner, den Keeper des FC Abwärts zu, verfehlte das Tor jedoch um einen Viertelkilometer, weil er plötzlich nichts mehr sehen konnte. Ein brennender Schmerz schien ihm die Augen aus den Höhlen zu ätzen. Sekunden zuvor hatte er ein hochfrequentes Summen neben seinem Ohr vernommen, das sich rasch entfernte, nachdem es kurz gezischt hatte.

Unruhe griff um sich. Die Bayern murrten So geht dös net, die Tiefostler begriffen, dass heute vielleicht doch etwas ging, und die Zuschauer diskutierten lebhaft darüber, ob man ein Ufo als zwölften Mann bezeichnen konnte.

Sascha Schweintreiber, der Mittelfeldstratege des FC Abwärts Tief-Ost, ließ seinen Gegenspieler aussteigen und schlug einen Zuckerpass auf Wladislaw Bolcowacz, den sorbischen Legionär des FC Abwärts, der wiederum eine Geleebananenflanke in Richtung Mittelstürmer Bruno Hammerowski drosch.

Hammerowski hämmerte den Ball aufs Tor.

Der übellaunige Bayern-Torwart Kahn griff zu - und sah sich plötzlich einem ganzen Schwarm von Geschossen ausgesetzt. Er wehrte 99 von 100 ab, aber die 99 waren Hartgummikugeln, die hundertste hingegen der Ball.

Es stand nur noch 5:1 für die Bayern, und der FC Abwärts witterte Morgenluft wie eine Wasserleiche, die zur Oberfläche treibt.

Uli Hoeneß, der allen Unkenrufen zum Trotz noch am Leben war, sprang auf, fuchtelte mit den Armen, zeterte Mordio und orgelte Schiebung! Auch die Spieler des FC Bayern protestierten. Während sie gestikulierend zum Schiri rannten, bolzte Bruno Hammerowski den Ball immer wieder in die Maschen von Kahns Gehäuse.

Beim Stand von 75:5 für den FC Abwärts ging Kahn auf Hammerowski los, und das Fußballspiel eskalierte zu einer Orgie von Körperverletzung und unkontrolliertem Rundumschlag.

Zum Glück hatte Wachtmeister Drombusch alles auf Band und konnte beweisen, dass Hoeneß angefangen hatte.

Der Bayern-Manager hatte sogar wild fuchtelnd versucht, die Polizeidrohne zum Absturz zu bringen. Er wurde zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt und musste ein Jahr lang Kreidelinien beim FC Abwärts Tief-Ost ziehen.

Die Männer vom Revier Tief-Ost aber wurden belobigt: Für den beispielhaften Einsatz polizeilicher Hochtechnologie.