REVIER TIEF-OST

(74) Viewegs Relaunch



Polizeianwärter Kowalke befand sich in Hochstimmung. Der Innenminister hatte einen polizeiinternen Relaunch angekündigt, bei dem die Verschlankung der Dienststellen mit einer Verjüngung des Personals einhergehen sollte. Kowalke rechnete sich blendende Karrierechancen aus.

Er hatte zwar keinen Schimmer, was ein Relaunch war, aber Verschlankung bedeutete seiner Meinung nach, dass der dicke Drombusch zunehmend untragbar wurde, was man sogar wörtlich nehmen konnte. Drombusch wog jetzt 145 Kilo, und wenn er eines Tages kollabierte - vielleicht, weil ein Radel-Rowdy Widerspruch gegen die Verschrottung seines Mountainbikes einlegte - würde niemand das Leben des Wachtmeisters retten können, weil die Zivildienstleistenden bei den Johannitern alles Hänflinge waren.

Verjüngung verstand Kowalke so, dass Polizeiobermeister Dieter Schröder endlich in den Ruhestand getreten wurde und der Revierleiter, der straff(f) auf die 50 zuging, ebenfalls seinen Schreibtisch räumen musste. Wenn das Programm des Innenministers griff, war Kowalke bald allein im Revier Tief-Ost und konnte tun und verhaften, was und wen er wollte. Er hatte also allen Grund, euphorisch zu sein, aber dann schickten sie bloß Lutz Vieweg vorbei.

Vieweg war der Gesundheits-Guru von Tief-Ost. Er arbeitete als Bio-Bauer im Nebenerwerb, Ernährungsberater und Elektrosmogfahnder, schrieb Rohkostrezepte und erfand ganzheitliche Trainingsprogramme, die auf den Leib, die Seele und den Magen schlugen.

"Was will der denn hier?", stöhnte Drombusch, und alle stimmten ein, als Lutz Vieweg antwortete: "Entschlacken und Entkrusten, meine Herren! Ihr solltet euch künftig konsequent von Keimen ernähren!"

Das war eigentlich nichts Neues für die Polizisten, denn Peter Hacke, der Fleischer von Tief-Ost, bei dem sie ihre Dienstverpflegung bezogen, war mehrfach mit Fleischskandalen in Verbindung gebracht worden. Berühmt war beispielsweise seine Ekelsalami.

Vieweg knotete zwei Maßbänder zusammen, schlang sie Drombusch um die Taille, legte die Stirn in Falten und schickte den Wachtmeister auf den Hometrainer. Drombusch weigerte sich zunächst und knurrte, er werde sich gewiss nicht von einer Schwuchtel trainieren lassen.

"Ein Hometrainer ist ein Sportgerät!", schimpfte Vieweg.

"Nie davon gehört", brummte Drombusch, trollte sich dann aber. Vieweg stellte den Hometrainer auf Stufe 12, was ungefähr dem Gegengewicht eines Zirkuselefanten entsprach. Drombusch fand jedoch schnell heraus, dass man den Widerstand am einfachsten überwand, indem man anfangs einmal brachial in die Pedale trat. Es knirschte im Getriebe, und danach strampelte es sich wie von selbst.

POM Schröder bekam einen Nintendo DS in die Hand gedrückt. Er sollte Dr. Kawashimas Gehirnjogging, Teil 1 und 2 durchspielen, um den Kalk aus seinen grauen Zellen zu bürsten. Der alte Polizist hatte jedoch Probleme, den winzigen Stylus zu greifen, weil sein steifer Rücken heute bis in die Fingergelenke strahlte. Lutz Vieweg schlug vor, dass er einen Kugelschreiber nahm, aber POM Schröder besaß schon seit Jahren keinen Kugelschreiber mehr.

Der Revierleiter reichte ihm Drombuschs Teleskopknüppel, ehe er selbst auf Streife geschickt wurde, um sein Bewegungsdefizit auszugleichen.

"Könnten wir vorher etwas gegen das Defizit auf meinem Konto tun?", fragte er, aber Vieweg wies nur stumm mit dem Finger zur Tür.

Für den Revierleiter war es die erste Streife seit sieben Jahren. Nach einer Stunde meldete er sich über Funk. Er klang verwirrt. "Seit wann ist Bauer Gottwalds Kornfeld ein Golfplatz?"

Drombusch klärte ihn über die jüngsten Agrarreformen auf, die bewirkten, dass Kornanbau sich nicht einmal mehr für Schnapszwecke lohnte und erzählte ihm von dem luxemburgischen Investor, der mithilfe transatlantischer Hedge-Fondues einen Golfplatz mit neun Löchern aus dem Acker gestampft hatte. Außerdem gab es zirka eine Milliarde Mauselöcher und kaum zahlende Kundschaft.

"Fein, fein", sagte der Revierleiter und wurde für den Rest der Woche nicht mehr gesehen.

Für Kowalke brachen harte Zeiten an. Er musste den ganzen Papierkrieg allein bewältigen und kam sich vor wie ein Schreibsklave in der Zentralverwaltung des römischen Reichs. Entlastung war nicht in Sicht, denn Drombusch radelte, der Revierleiter golfte und POM Schröder reagierte auf Kawashimas Gehirnjogging wie ein alter Windows-Rechner, der mit halbwegs anspruchsvoller Software konfrontiert wurde: Er fror ein und rührte sich nicht mehr.

Wenigstens ahnte Kowalke nun, was man unter einem Relaunch verstand: Das war, wenn man weitermachte wie bisher, nur dass weniger Leute zur Verfügung standen.