REVIER TIEF-OST

(75) Call-Center-Terror


Im Bereich des Polizeireviers Tief-Ost trieben Metalldiebe ihr Unwesen. Sie hatten bereits alle Dachrinnen am Rathaus, sämtliche Gießkannen in der Kleingartenanlage Morgennebel und einen kompletten Satz Bettpfannen aus der Seniorenresidenz Villa Grottenolm gestohlen. In einer struktur- und rohstoffarmen Region wie Tief-Ost kam das einer Katastrophe gleich, vergleichbar allenfalls mit dem großen Aussaugverkauf nach dem Mauerfall.

Bürgermeister Wortmann hatte die Polizei in einem wortreichen Interview in der Heimatzeitung aufgefordert, etwas zu unternehmen, und der Revierleiter hatte seinen letzten Trumpf ausgespielt: In einer Polizeimeldung eine Ausgabe später bat er die Bevölkerung um Mithilfe. Wenn schon die Bevölkerung nichts wusste, wer dann?

Während die Öffentlichkeitsfahndung lief, musste Polizeiobermeister Dieter Schröder das Revier-Telefon hüten. Mit kränklicher Stimme hatte er darauf hingewiesen, dass man während des Telefondienstes einen Hörsturz erleiden konnte, aber es war nun mal kein anderer da, um am Apparat auszuharren.

Polizeianwärter Kowalke - für diese Aufgabe aufgrund seines jugendlichen Eifers, seiner Offenheit für moderne Kommunikationsmittel und seines niederen Dienstranges eigentlich prädestiniert - war nicht abkömmlich. Als der Revierleiter ihn kürzlich zum Klinkenputzen geschickt hatte, war er ohne Erkenntnisse wiedergekommen, hatte aber eine Spesenrechnung über sieben Tuben Elsterglanz eingereicht. Nun schwitzte er auf einem Fortbildungslehrgang über elementare Polizeitaktiken.

Wachtmeister Drombusch lag unter dem Gullydeckel am Markt auf der Lauer, in der optimistischen Annahme, er könne die Metalldiebe auf frischer Tat ertappen.

Und der Revierleiter, nun, er war der Revierleiter.

"Auch du musst ab und zu deinen Teil beitragen, Dieter", sagte der Chef. POM Schröder schwieg beleidigt. Früher, als ABV, hatte er 40 Jahre lang seinen Beitrag geleistet, und was war dabei herausgekommen? Am Ende war das Land von Dieben überrannt worden.

Unter Protest saß POM Schröder nun hinterm Telefon und wartete darauf, dass ihnen jemand verriet, wer die Metalldiebe waren, wo sie wohnten und um wieviel Uhr man sie im Schlaf überrumpeln konnte.

Es klingelte. Der alte Polizist nahm ab.

"Guten Tag, wir rufen im Auftrag des Clubs an. Heute wollen wir Ihnen einmal Danke sagen!"

POM Schröder glaubte zuerst, der Besitzer des Nachtklubs in der Kreisstadt sei dran. Drombusch hatte kürzlich eine Razzia in diesem Etablissement angeführt. Die Maßnahme war ein wenig außer Kontrolle geraten, aber das hatte den Weg zu einer Generalrenovierung des Clubs freigemacht, und der Wachtmeister hatte vor der Disziplinarkommission erklärt, dass ihnen der Inhaber aus seiner Sicht ein Dankeschön schuldete.

Es stellte sich jedoch heraus, dass die Telefonstimme nur eine Buchreihe mit Kriminalromanen verkaufen wollte, die eigens für Frauen geschrieben worden waren. Mit intelligenten Kommissarinnen und dreisten, aber romantischen Schurken. "99 Bände, ideal für den kurzen Lesespaß vorm Schlafengehen!"

POM Schröder bestellte die Bücher ins Revier. Sie hatten hier zwar keine Frauen, aber die Stelle mit dem Schlafengehen hatte ihn überzeugt.

Er legte auf. Sofort läutete es wieder.

Eine Frau war dran. Sie eröffnete ihm, dass er eine Nilkreuzfahrt gewonnen habe, sofern er bereit sein, bei ihr ein Notebook zu bestellen.

POM Schröder nickte. Eine Kreuzfahrt hatte er sich schon lange verdient, und das Notenbuch konnte er seiner Frau Irma schenken, die recht gerne Volkslieder trällerte.

"Die Kreuzfahrt ist mit Selbstverpflegung, Selbstanreise und Selbstprogrammgestaltung, dafür wird Ihnen das Notebook mit selbstaufhängender Software geliefert." Die Stimme rasselte das Kleingedruckte herunter wie eine Versicherungskauffrau im Außendienst.

POM Schröder wurde ganz schummerig im Kopf. Er gähnte in den Hörer, kriegte aber keine Ruhe, denn kaum hatte er aufgelegt, klingelte es erneut.

"Einen wunderschönen guten Tag", krähte ein aufgedrehter Mann durch die Leitung. Er klang hyperdynamisch wie Polizeianwärter Kowalke, wenn er Abc-Schützen in die Geheimnisse des Zebrastreifens einweihte.

"Ihr Mobilfunkanbieter möchte Ihnen etwas Gutes tun. Wir offerieren Ihnen daher ein nagelneues Designerhandy mit fünf farbigen Antennenspitzen zum Auswechseln. Kein Anschlusspreis, keine Grundgebühr, kein Mindestumsatz, kein Akku und keinerlei Zubehör. Das Ganze kostet Sie lediglich einen Paketpreis von 300 Euro, aber ein Päckchen wünschen wir uns doch alle hin und wieder irgendwann, nicht wahr?" Der Anrufer schnatterte wie ein koffeinsüchtiger Rundfunkmoderator.

POM Schröder konnte solche Radioheinis nicht ausstehen. Sie bereiteten ihm schlaflose Vormittage. Er beschloss, ein Exempel zu statuieren, schaltete die Anruferrückverfolgung ein und schickte ein testosterongeladenes Rollkommando zu der ermittelten Adresse.

Danach fand er, dass er für heute genug getan hatte, stöpselte das Telefon aus und begann leise zu schnarchen.

In der Nacht polterte Wachtmeister Drombusch ins Revier. Er schubste drei Metalldiebe vor sich her, denen er Gullydeckel um den Hals gekettet hatte.

Drombusch war wieder einmal der Held.

Zum Beamten des Monats aber wurde am nächsten Morgen der verwirrt blinzelnde POM Schröder erklärt, der im Alleingang und nur mit einem Telefon bewaffnet, ein betrügerisches Call-Center ausgehoben hatte.




Mario Ulbrich über "Call-Center-Terror": In dieser Geschichte sollte ursprünglich Wachtmeister Drombusch der Hauptdarsteller sein, aber das Ganze funktionierte irgendwie überhaupt nicht. Deshalb habe ich die Story für POM Schröder umgeschrieben. Der kommt in den Kurzgeschichten ohnehin immer zu kurz. Nun hat er endlich mal eine Folge fast ganz für sich allein.