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(76) AusGEZählt
Die Bewohner der Region Tief-Ost konnten sich an drei einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben erinnern: Die große Ausreisewelle des Jahres 1989, die große Elbwelle von 2002 und die alljährliche Welle von Drohbriefen aus der Gebühreneinzugszentrale in Köln. Es fühlte sich an, als besserten sich die Tiefostler, die 1989 in den Westen gegangen waren, ihr Haushaltsgeld auf, indem sie die Adressen der Daheimgebliebenen an die GEZ verrieten.
Am Rathaus gab es eine Markierung, die den Pegelstand des Elbhochwassers anzeigte: 7,95 Meter. Das war im zweiten Stock, wo das Büro von Ruth Schmalzer lag, der Buchhalterin, die 40 Jahre lang an ihrem Schreibtisch geklebt hatte und dann während der Flut ertrunken war.
Auch im Revier Tief-Ost gab es einen Pegel. Er war in den Papierkorb geritzt, der unter dem Postschlitz stand, und als die blassgrünen Briefe aus Köln sich wieder einmal bis zur Markierung stapelten, wusste Wachtmeister Drombusch, dass Eddie Raffke bald zurückkommen würde.
Eddie Raffke war GEZ-Fahnder. Ein zeckenartiger Mann mit dem öligen Grinsen einer toten Sardine und der Aufrichtigkeit eines Kanzlerkandidaten. Seitdem die GEZ Gebühren auf Computer erheben durfte, versuchte er, ins Revier einzudringen. Falls es ihm gelang, einen Blick auf ein Rechnergehäuse zu erhaschen, waren die Beamten fällig.
Drombusch und Kollegen aber waren sich einig, dass es nur der Polizei zustand, Fragen zu stellen, Häuser zu durchwühlen und Gelder einzutreiben, von denen keiner wusste, wo sie blieben. Deshalb pochten sie auf die Unverletzlichkeit ihres Reviers, während Eddi Raffke alle Register zog, wie ein Orgelspieler mit sieben Armen.
Es klingelte. Drombusch ließ die Überwachungskamera rotieren. Ein Mann in einem blauen Overall stand an der Tür. "Computerservice", sagte er in die Wechselsprechanlage. "Sie haben einen Absturz gemeldet?"
Drombusch wusste sofort, dass etwas oberfaul war. Auf diesem Trick würde nicht mal Polizeianwärter Kowalke hereinfallen, der jung und naiv war und sogar noch daran glaubte, dass in Bockwurst Wurst drin war. Zwar hatten sie, wie jeden Morgen, tatsächlich einen Computerabsturz. Doch wenn sie die Jungs vom Systemhaus anriefen, kamen diese nie freiwillig vorbei. Sie wollten immer nur wissen, ob die Beamten es schon mit einem Neustart probiert hatten.
"Richtig, ein Absturz", knurrte Drombusch und zog an einer Reißleine neben der Revierpforte. Die Leine führte nach oben zu einem alten 24-Zoll-Röhrenmonitor, der 56 Kilo wog und die Entfernung zwischen Dachkante und Fußabtreter in weniger als einer Sekunde überbrücken konnte. Bis zu Eddie Raffkes Scheitel brauchte er nur die Hälfte.
Der Gebührenfahnder torkelte mit dem Monitor auf dem Kopf davon. Er sah aus wie ein Haufen Elektronikschrott, der vor der Zwangseinweisung in den Wertstoffhof floh.
"Volltreffer, den sehen wir nicht so schnell wieder", schätzte der Revierleiter. Aber Drombusch wusste es besser.
Am Nachmittag klingelte Eddie Raffke erneut. Diesmal hatte er sich als Frau verkleidet, was der Wachtmeister daran erkannte, dass Raffke eine blonde Perücke trug und sich rasiert hatte. Allerdings hatte er vergessen, mit dem Rasierer über seine Oberlippe zu schaben. Drombusch kannte keine Frau, der ein so ausgeprägter Damenbart wuchs, nicht einmal Shalomeh Ahnedinichanoh, der iranischen Frauenrechtlerin, die das Integrationszentrum in der Kreisstadt leitete.
"Wir machen eine Umfrage zu Ihren Fernsehgewohnheiten", flötete Eddie Raffke in die Gegensprechanlage. "Auf einer Skala von Eins bis Zehn: Wie sehr mögen Sie die Sopranos?" Seine Stimme klang, als habe er die Kreidelinien auf dem Sportplatz weggelutscht.
Drombusch hasste die Sopranos. Eine dekadente Mafiaclique, die auf Kosten der Steuerzahler Spagetti fraß und Drogen an Minderjährige, Mindestlöhner und Minderbemittelte verhökerte.
"Auf einer Skala von Eins bis Zehn?" Als Antwort riss er die Sichtluke auf und setzte der Marktforscherin die schwielige Faust des Gesetzes voll auf die Zwölf.
Eddie Raffke taumelte davon. Mit der Perücke und der Delle in der Mitte seines Gesichts sah er jetzt weniger wie eine Frau und mehr wie ein Shitzu aus.
"Schätze, das war's für diesmal", sagte der Revierleiter.
"Abwarten", meinte Drombusch.
Eine Attacke der GEZ bestand aus drei aufeinanderfolgenden Briefen, einer bösartiger als der andere, und auch Eddie Raffke startete noch einen Versuch - hinterhältiger als alle bisherigen Tricks zusammen.
"Ich bin hier, um ein Knöllchen zu bezahlen", flüsterte er am frühen Abend mit der Säuselstimme eines reuigen Parksünders in die Gegensprechanlage. "25 Euro!"
"Bitte stecken Sie die Summe in den Geldschlitz über dem Briefschlitz", plärrte es zurück.
Eddie Raffke blinzelte. Den zweiten Schlitz hatte er noch gar nicht bemerkt, da er die Sichtluke im Auge behalten hatte, falls Drombuschs Faust noch einmal herausschnellte.
"Ich habe aber nur einen Fünfzigeuroschein", behauptete er. Er musste diese Kerle dazu bringen, die Tür zu öffnen.
"Macht nichts, der Automat wechselt", kam es aus dem Lautsprecher. "Kostet zehn Euro Wechselgebühr extra."
Gegen Extragebühren konnte Eddie Raffke als GEZ-Mitarbeiter nichts einwenden, aber er musste unbedingt ins Revier gelangen. "Wie bitte? Ich kann nichts verstehen", schrie er in die Sprechanlage.
"Nix gut Deutsch, was?", kam es zurück.
Eddie Raffke griff die Idee kaltblütig auf. "Genau! Ich meine ja … äh, evet! Evet!" Er arbeitete häufig in großen Plattenbaugebieten und hatte dort von türkisch bis aztekisch eine Menge Fremdsprachen aufgeschnappt.
Es funktionierte. Die Revier-Pforte wurde entriegelt. Gleichzeitig hörte Eddie Raffke einen schweren Motor, der hinter dem Haus gestartet wurde.
Die Tür schwang auf. Drombusch stand dort. Er hielt ein Gerät in der Hand. "Ist das ein rundfunkgebührenpflichtiger Empfänger?" fragte Eddie Raffke sofort.
"Nein, ein batteriegetriebener Austeiler", knurrte Drombusch und drückte dem GEZ-Fahnder den Elektroschocker ins Gesicht. Die Barthaare auf Eddie Raffkes Oberlippe verflüssigten sich, Schmalz dampfte aus seinen Ohren, aus der Nase roch es nach gegrilltem Popel.
"Haben Sie noch etwas vorzubringen?" fragte Drombusch streng.
"Ihlveldallmdenschfeine", nuschelte Eddie Raffke. Er hatte die Kontrolle über diverse Muskelfunktionen inklusive des Schließ- und des Kaumuskels verloren.
"Wusste ich's doch", knurrte Drombusch. "Klingt wie ein illegaler Einwanderer."
Das Motorengedröhn wurde lauter. Hinter dem Revier kam ein gepanzerter Abschiebetransporter mit vergitterten Bullaugen zum Vorschein. Er sah aus wie ein rollendes Aquarium. Polizeianwärter Kowalke saß am Steuer. "Was soll ich ins Navi eingeben?" wollte er aufgekratzt wissen.
"Schau mal, ob der Mond drinsteht", brummte Drombusch.
Nach "Under Siege" und "Schon GEZappelt?" der dritte Angriff des Gebührenfahnders Eddie Raffke auf das Revier. Und weil in keinem Navigationsgerät der Mond als Ziel drinsteht, ahnen wir es natürlich schon: Eines Tages wird Eddie Raffke zurückkehren, hinterlistiger als je zuvor.
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