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(77) Games Inconvenience
Drombusch saß im Revier vor einem russischen Kofferfernseher, den er bei Schlieder, dem dorfbekannten Kaffeekassenknacker, rechtzeitig vor Beginn der Olympischen Spiele sichergestellt hatte. Der Wachtmeister guckte Hammerwerfen, als das Fax hereinkam. Der Befehl ließ sich nur mühsam entziffern, weil die Fussel im Ausgabeschlitz das Papier zerknittert hatten.
"Es geht um eine Jugendschmutzkontrolle", buchstabierte der Revierleiter. "Weiß jemand, was das ist?"
Drombusch zuckte die Schultern. "Tätowierungen vom Arm hobeln, nehme ich an."
Das Revier Tief-Ost sollte einen Beamten für den Einsatz abstellen, der auf einer Videospielemesse namens Games Convention stattfinden sollte. Dafür kam nur einer in Frage: Polizeianwärter Kowalke, der, falls seine Kollegen das richtig verstanden hatten, drei Playstationen, 360 Xboxen und werweißwiiviele Nintendo-Konsolen sein eigen nannte. In einem modifizierten Gamecube versuchte Kowalke derzeit sogar, eine Hamsterzucht auf die Beine zu stellen.
"Bring uns was Schönes mit", brummte Drombusch zum Abschied. "Das Herz eines Raubkopierers oder so."
Die Spielemesse war laut, bunt und heiß. Jungen, die nichts anderes taten, als ihre Zeigefinger zu bewegen, schwitzten, als stünde das Ende der Welt bevor. Mädchen standen vor PC-Lüftern und ließen ihre Röcke fliegen. Es musste hier 10.000 Computer oder mehr geben, und kein einziger war abgestürzt. Kowalke hatte so etwas noch nie gesehen.
Seine Aufgabe bestand darin, auf bunte Armbändchen zu achten. Kinder hatten gelbe Bänder um die Handgelenke, Teenies grüne, Erwachsene rote. Wer ein gelbes Band trug, durfte aus Jugendschutzgründen beispielweise ein Spiel wie Ultrakiller - Slash them all! nicht in die Finger kriegen. Kowalke begriff das Prinzip rasch und stürzte sich wie ein bis oben mit Amphetaminen zugedröhnter Berserker auf einen Kerl mit rotem Armband, der im gelben Bereich an einem Nintendo mit Prinzessin Lillifee herummanipulierte.
Kowalke sicherte den gesamten Sektor und hatte bald alle Erwachsenen am Boden. Ein paar Kinder applaudierten und wollten seine Dienstwaffe anfassen, doch die Veranstalter reagierten genervt und schickten Kowalke in die Nachbarhalle, wo er nach dem Rechten sehen sollte.
Er sah ihn praktisch sofort.
Der Mann schlich um den Messestand des Herstellers Eidos herum. Er trug einen Anzug, konnte den Jungpolizisten damit aber nicht täuschen, denn er hatte eine große Pistole in der Hand und eine Glatze auf dem Kopf. Klarer Fall, ein Rechter. Kowalke zog und schoss ihm ein Ohrläppchen ab. Verflixt, dachte er, daneben, und duckte sich ab.
Im Davonhuschen hörte er die Lautsprecherdurchsage, dass die Autogrammstunde mit Hitman aus medizinischen Gründen leider ausfallen müsse.
Unvermittelt prallte er gegen ein Hindernis und bekam einen Airbag ins Gesicht. Ein zweiter riss ihm die Dienstmütze vom Kopf. Er sah schwarz wie ein Unfallfahrer am Alleenbaum, ruderte hilflos mit den Armen und versuchte, die Airbags mit dem Dienstkampfmessser aufzuschlitzen. Jemand quiekte, und als Kowalke hochäugte, blickte er in das Gesicht von … Lara Croft.
Die hatte er schon gesehen, aber noch nie so nah.
"Ein Perverser!", schrie Frau Croft.
Kowalke sah sich verdutzt um. "Wo?"
Vom Nachbarstand kam bereits Hilfe herangestürmt. Kowalke starrte den Neuankömmling sprachlos entgegen. Er stand seinem größten Idol gegenüber (abgesehen von Drombusch natürlich, der aber mehr ein in die Breite gegangenes Vorbild war) - dem Master Chief!
"Hi", flüsterte Kowalke ergriffen. "Wollen wir zusammen gegen die Allianz kämpfen?" Der Master Chief atmete schwer und starrte ihn durch sein goldverspiegeltes Visier an. "Ich habe Erfahrung am Radar", erklärte Kowalke hastig. "Wir könnten deren Raumschiffe blitzen und ihnen mehr Punkte aufbrummen als ein Alien schlucken kann."
Hinter dem Master Chief kamen Super Mario, Spiderman, Conan, der Barbar sowie ein blauer Riesenigel gerannt und warfen sich auf Kowalke.
Aus der Zeitung erfuhr er später, dass die Games Convention weit in den Westen verlegt werden sollte, um künftig vor Leuten aus dem tiefen Osten sicher zu sein.
"Verräter", zischte Kowalke, meinte aber den Master Chief.
In der Zeitung hieß diese Geschichte noch "Games Chaos" - weil der Originaltitel einfach nicht in die schmale Spalte passen wollte. "Games Inconvenience" spielt auf die Games Convention an. Mmh, zumindest war das so geplant. Aber ob der Leser das merkt? Na gut, nicht jeder Titel kann perfekt sein. :-)
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