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(77) Alis Rückkehr
Als der Revierleiter nach dem Morgenkaffee den Kopf aus seinem Büro steckte, fand er seine Männer beim Waffenputzen vor. Drombusch presste Silikonfett aus der Weltraumforschung in die Gelenke seines Teleskopknüppels. Auf POM Schröders Schreibtisch lag eine Batterie Handschellen, in deren Schlösser der alte Polizist Hochleistungsöl tröpfelte. Polizeianwärter Kowalke hatte seine Dienstpistole auseinandergebaut und pustete mit hochrotem Kopf ein Knöllchen aus Schmirgelpapier durch den Lauf. Alles in allem sah es aus, als bereite sich die Staatsmacht auf einen Aufstand der Hartz-IV-Empfänger vor.
"Wer hat das angeordnet?" fragte der Revierleiter verdutzt.
POM Schröder wies mit sauertöpfischer Miene auf Drombusch, der inzwischen zur Revierpforte getigert war und durch die Sichtluke nach draußen spähte.
Kowalke holte Luft, verschluckte die Schmirgelpapierknolle und krächzte: "Wir bereiten uns auf Alis Rückkehr vor!"
Da fiel es dem Revierleiter wieder ein. Ali Musterfa, der Dönermann. Vor ein paar Jahren war er fortgegangen, weil er es satt hatte, nach Fahrradentführungen, Leergutdiebstählen und Fehlwürfen in die gelbe Tonne immer als Erster befragt zu werden. Er hatte eine Weile bei seinem Bruder im Westen gelebt, der Sinbad hieß und Müllfahrer war, aber nun hatte ihn Bürgermeister Wortmann zurückgeholt, um die Versorgungslage in der Region Tief-Ost entscheidend zu verbessern.
Ali hatte versprochen, an seiner neuen Imbissbude außer Döner, Falafel und Halloumi auch Bockwurst und Fischsemmeln mit Bismarckhering anzubieten. Um ein vollwertiger Deutscher zu werden, musste er nur noch einen Sprachtest bestehen.
"Er kommt", knurrte Drombusch, riss die Tür auf und zeigte auf die Seuchenmatte, die er sich bei Bauer Gottwald geliehen hatte. "Füße und Hände abputzen!"
Ali zeigte ein mutiges Grinsen wie sein Namensvetter Ali Baba beim Betreten der Räuberhöhle.
"Was ist da drin?" Drombusch deutete auf Alis Pappkoffer. "Falls es tickt, behaupte nicht, das sei bloß ein Wecker!"
Ali lächelte noch immer. "Laut eurem Zuwanderungsgesetz darf ich eine komplette Grundausstattung mitbringen."
Zähneknirschend stimmte Drombusch zu. "Ich weiß, ein Messer, eine goldene Halskette und einen Schlagring zum züchtigen ausländischer Mitbürgerinnen."
Hinter Ali näherte sich eine weitere Person dem Revier. Stämmige Figur, energischer Gang: Shalomeh Ahnedinichanoh, die iranische Frauenrechtlerin, die das Integrationszentrum in der Kreisstadt leitete und heute hier war, um den Test zu überwachen. Sie hatte Haare auf den Zähnen und der Oberlippe.
"Nicht auch noch die!", stöhnte Drombusch.
Die Integrationsfachfrau stemmte die Arme in die Hüften. "Treiben Sie etwa Schundlieder mit meinem Namen?"
Drombusch brummte, es heiße Schindluder, aber Shalomeh Ahnedinichanoh plusterte sich auf wie ein Schlauchboot kurz vorm Platzen. "Frauen schinden und sie Luder nennen, das ist ja wie im Iran!"
Dann hellte sich ihre Miene auf. "Verstehen Sie, weshalb Ali sich hier heimisch fühlt?" Und sie notierte den ersten Punkt zugunsten des Einbürgerungskandidaten.
Unterdessen hatte der Revierleiter seinen PC hochgefahren und die Software Deutsch für Einwanderer, Asyljahr 1 bis 4 von Easterman Multimedia gestartet. Die erste Meldung, die auf dem Monitor erschien, lautete: Error.
"Aha", meinte der Chef, "ein Buchstabenrätsel für unsere arabischen Intri … äh Immigranten. Bitte vervollständigen Sie das Wort!"
Es handelte sich aber nur um eine Fehlermeldung, und Shalomeh Ahnedinichanoh holte als Wiedergutmachung zwei Bonuspunkte für Ali heraus.
Um zu bestehen brauchte er fünf Punkte, was zwei mehr waren als der Revierleiter beim jüngsten Computerkurs erreicht hatte. Während er sich mit der Software mühte, steckte Polizeianwärter Kowalke den Kopf zur Tür herein. "Sorry für die Störung, Chef, aber haben wir noch Toner für den Drucker?"
Kowalke war noch immer heiser vom Schmirgelpapier. Außerdem sächselte er, und Ali, der sich gut auf seinen Sprachtest vorbereitet hatte, korrigierte ihn: "Es heißen Döner. Mit Ö wie Öde Pussy."
Shalomeh Ahnedinichanoh hakte sofort ein: "Sehen Sie, er sein schon chauvinidingstisch wie deutsche Mann." Sie schrieb Ali einen weiteren Punkt gut.
Der Revierleiter, der über den Zusammenhang zwischen einer morgenländischen Fastfoodspeise und einer Intimrasur nachgrübelte, war zu abgelenkt, um zu protestieren. Zudem kriegte er den verdammten Sprachtest nicht zum Laufen. Der Rechner hatte sich aufgehängt. Hilfesuchend wandte er sich an Ali und die gestrenge Beisitzerin: "Ihr wisst doch sicher, wie der Affengriff geht?"
Shalomeh Ahnedinichanoh explodierte. "Was fällt Ihnen ein, uns mit Affen zu vergleichen?" Sie ließ dem Revierleiter die Wahl zwischen einer Beschwerde bei der Gleichschaltungsbeauftragten des Landratsamtes oder Reparationsleistungen in Form von Einbürgerungspunkten.
Im Ergebnis bekam die Region Tief-Ost wieder einen Dönerstand und Ali konnte seine Großfamilie, bestehend aus acht Brüdern, sieben Schwestern, 16 Cousins und Cousinen sowie einem Vater und drei Müttern nachholen und hatte danach noch immer zehn Punkte übrig.
"Diese Tests sind viel zu lasch", knurrte Drombusch noch Wochen später, wenn er Kowalke losschickte, um Chicken-Döner mit ganz viel Knoblauch zu besorgen.
Ali, der Dönermann gehörte seit der zweiten Drombusch-Geschichte zum Inventar in der Region Tief-Ost. In Folge 8 schrieb ich dann gedankenlos den Satz "Seitdem der Dönermann das Dorf verlassen hatte …"
Im ersten Tief-Ost-Roman lieferte ich zwar die Erklärung nach, was Ali zum Weggang bewogen hatte, aber der Unfug war angerichtet: Ali war fort. Irgendwie fehlte er. Das wurmte mich. Ali war er ein netter Kerl gewesen und konnte auch gut für politisch unkorrekte Gags benutzt werden.
Deshalb habe ich lange darüber nachgedacht, den Dönermann nach Tief-Ost zurückzuholen. Hier ist er also wieder und bringt gleich noch eine weitere Figur mit Migrationshintergrund mit: Shalomeh Ahnedinichanoh, die iranische Frauenrechtlerin, die schon in folge 76 kurz erwähnt wurde.
Ausgesprochen wird ihr Name übrigens "Ach nee, die nich a noch", was die Gefühle recht gut auf den Punkt bringt, die ihr die Männer vom Revier Tief-Ost entgegenbringen.
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